Ingo Heinemann: Scientology-Kritik 
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Zuletzt bearbeitet am 10.11.2011 
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 Oberverwaltungsgericht NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008:
Der Verfassungsschutz darf Scientology weiter beobachten
 
 
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Über den Prozess: Verfassungsschutz.htm#OVG12.2.08
 

Pressemitteilungen des OVG Münster
 
Die Revision zum Bundesverwaltungsgericht wurde nicht zugelassen.   
Dagegen hatte die Scientology-Organisation Beschwerde eingelegt.   
Am 6.5.2008 teilt das Gericht durch Pressemitteilung (rechts, zum Vergrössern anklicken) mit: 
Die Scientology- Organisation hat die Beschwerde zurückgenommen. 
Damit ist das Urteil rechtskräftig.
  

Der unten wiedergegebene Urteilstext wurde entnommen aus http://www.justiz.nrw.de/nrwe/ovgs/ovg_nrw/j2008/5_A_130_05urteil20080212.html

Die Nummerierung der Seiten stammt aus einer Scan-Kopie vom Original-Urteil: OVG-Muenster-5A130-05-Scientology.pdf
Der dort eingebettete Text ist nicht korrigiert.
 

Oberverwaltungsgericht NRW, 5 A 130/05 - Rechtskräftig
Datum: 12.02.2008
Gericht: Oberverwaltungsgericht NRW
Spruchkörper: 5. Senat
Entscheidungsart: Urteil
Aktenzeichen: 5 A 130/05
Vorinstanz: Verwaltungsgericht Köln, 20 K 1882/03 [VG-Koeln-20K1882-03.htm]
 
 

In dem Verwaltungsrechtsstreit

Kläger,
gegen Beklagte,

wegen Beobachtung durch das Bundesamt für Verfassungsschutz
hier: Berufung

hat der 5. Senat auf die mündliche Verhandlung vom 12. Februar 2008

auf die Berufung der Kläger
gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts Köln vom 11. November 2004
 
 

für Recht erkannt:
 



OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 3

Tatbestand:

Die Kläger sind eingetragene Vereine, die sich als Religionsgemeinschaften verstehen. Der Kläger zu 1. begreift sich als eine Gesamtkirche, der verschiedene Gliedkirchen, darunter der Kläger zu 2., angehören. In der Vereinssatzung des Klägers zu 1. (darin abgekürzt als "SKD") heißt es dazu u.a.:
 



OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 4


 
Zum Verhältnis zu anderen Scientology-Gemeinschaften bestimmt § 9 der Satzung:
  Die Vereinssatzung des Klägers zu 2. weist inhaltlich entsprechende Regelungen auf.

[Text 1]:

In den von den Klägern und der Beklagten zur Gerichtsakte gereichten Schriften von L. Ron Hubbard (im Folgenden: Hubbard) sowie der Scientology-Organisation finden sich u.a. folgende Ausführungen:
 

Hubbard, in: Scientology, Lehre und Ausübung einer modernen Religion, vorgestellt von der Church of Scientology International, 1998, Anhang 1, S. 98 - vorgelegt von den Klägern als Anlage K 17 - (Text 1)



OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 5


[Text 2]:  Hubbard, in: Scientology, Lehre und Ausübung einer modernen Religion, vorgestellt von der Church of Scientology International, 1998, Kapitel 4, S. 45 ff. - vorgelegt von den Klägern als Anlage K 17 - (Text 2)
 
 

[Text 3]:

 
aus: Was ist Scientology? Aus den Werken von L. Ron Hubbard, zusammengestellt von Mitgliedern der Church of Scientology International, 1998, S. 186 f. - vorgelegt von den Klägern als Anlage K 24 - (Text 3)
 

[Text 4]:

 



OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 6


  abgedruckt in: Was ist Scientology? Aus den Werken von L. Ron Hubbard, zusammengestellt von Mitgliedern der Church of Scientology International, 1998, S. 729 - vorgelegt von den Klägern als Anlage K 24 - (Text 4)
 
 
 
 [Text 5]: abgedruckt in: Was ist Scientology? Aus den Werken von L. Ron Hubbard, zusammengestellt von Mitgliedern der Church of Scientology International, 1998, S. 735 - von den Klägern vorgelegt als Anlage K 24 - (Text 5)
 
 

 [Text 6]:

Herausgeber-Glossar in: Hubbard, Einführung in die Ethik der Scientology, 2007, S. 421 f. - vorgelegt von den Klägern als Anlage BB 152, Beiakte Heft 43 - (Text 6)
 
 
 [Text 7]:

OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 7

Hubbard, Der Weg zum Glücklichsein - vorgelegt von den Klägern als Anlage K 34 - (Text 7)
 
 
 
 [Text 8]:

OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 8


   
Religious Technology Center, Homepage, Stand: 25. Oktober 2003 - vorgelegt von den Klägern als Anlage K 44 - (Text 8)
 

[Text 9]: 



OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 9

 
Religious Technology Center, Homepage, Stand: 25. Oktober 2003 - vorgelegt von den Klägern als Anlage K 44 - (Text 9)
 
 
 
[Text 10]: Hubbard, HCO(= Hubbard Communications Office/Hubbard-Kommunikationsbüro)- Richtlinienbrief vom 2. November 1970 unter Wiedergabe des HCO-Bulletins vom 21. September 1958 - vorgelegt von den Klägern als Anlage K 4 - (Text 10)
 
 
 
 [Text 11]:

OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 10


  Hubbard, HCO-Richtlinienbrief vom 13. Februar 1965 - vorgelegt von den Klägern als Anlage K 5 und von der Beklagten als Anlage B 34 - (Text 11)
 
 
 
 
 [Text 12]: Hubbard, HCO-Richtlinienbrief vom 14. Juni 1965 - vorgelegt von den Klägern als Anlage K 6 - (Text 12)
 
 
 
 
 [Text 13]:

OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 11

  Hubbard, Einführung in die Ethik der Scientology, Ausgabe 2007, S. 50 ff. und S. 67 f. - vorgelegt von den Klägern als Anlage BB 152, Beiakte Heft 43 (entsprechend auch bereits Ausgabe 1998, S. 45 ff. und S. 38 f. - vorgelegt von den Klägern als Anlage K 79) - (Text 13)
 
 
 
 
[Text 14]:

OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 12


  in: Persönliche Werte und Integrität - Ein Scientology-Kurs zur Verbesserung des Lebens, gegründet auf die Werke von L. Ron Hubbard, 1991, S. 201 ff. - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 137 - (Text 14)
 
 
 
[Text 15]: Hubbard, Einführung in die Ethik der Scientology, Ausgabe 2007, S. 177 ff. - vorgelegt von den Klägern als Anlage BB 152, Beiakte Heft 43; ebenso in: Wie man Unterdrückung konfrontiert und zerschlägt - PTS/SP-Kurs, 2001, S. 38 ff. - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 9 - (Text 15)



OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 13


 
[Text 16]:  
Hubbard, HCO-Richtlinienbrief vom 7. August 1965, zugleich in: Wie man Unterdrückung konfrontiert und zerschlägt - PTS/SP-Kurs, 2001, S. 84 - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 9 - (Text 16)
 
 
 
 
[Text 17]:  
Hubbard, Handbuch des Rechts, 1979, S. 29 f. - vorgelegt von den Klägern als Anlage K 9 und von der Beklagten als Anlage B 26 - (Text 17)
 
 
 
[Text 18]: Hubbard, HCO-Richtlinienbrief vom 17. März 1965, vorgelegt von den Klägern als Anlage K 31 - (Text 18)
 
 
 
[Text 19]:

OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 14


  Hubbard, in: Ability, Die Zeitschrift der Dianetik und Scientology, Washington, D.C., Nr. 179 vom 20. März 1966 - vorgelegt von den Klägern als Anlage K 63 - (Text 19)
 
 
 
[Text 20]: Hubbard, HCO-Richtlinienbrief vom 31. Januar 1983 - vorgelegt von den Klägern als Anlage 33 zu Anlage K 75 - (Text 20)
 
 
 

[Text 21]:

Hubbard, HCO-Richtlinienbrief vom 18. Oktober 1967 - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 41 mit deutscher Übersetzung (vgl. Bl. 450 d.GA) - (Text 21)
 
(englischer Text: "enemy - SP (= suppressive person) order. Fair Game. May be deprived of property or injured by any means by any Scientologist without any discipline of the Scientologist. May be tricked, sued or lied to or destroyed.")
 
 
 
 
[Text 22]: Hubbard, HCO-Richtlinienbrief vom 21. Oktober 1968 - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 42; deutsche Übersetzung der Kläger (vgl. Bl. 1033 d.GA) - (Text 22)



OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 15


 
(englischer Text:
   
 
 
 
[Text 23]:  
Hubbard, Erklärung vom 22. März 1976 - vorgelegt von den Klägern als Anlage K 76 - (Text 23)
 
 
 
 
[Text 24]: Die Vorstände der Scientology Kirchen, HCO-Richtlinienbrief vom 22. Juli 1980 - vorgelegt von den Klägern als Anlage K 77 - (Text 24)
 



OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 16


 
[Text 25]: Church of Scientology International, Vom Rechtsstaat zur Inquisition - Hinter den Kulissen der Bonner Enquete-Kommission ?Sogenannte Sekten und Psychogruppen', 2. Aufl., Mai 1998, S. 117 ff. - vorgelegt von den Klägern als Anlage BB 11 - (Text 25)
 
 
[Text 26]:

OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 17


   
Hubbard, HCO-Richtlinienbrief vom 4. Dezember 1966 - vorgelegt von den Klägern als Anlage BB 26; ebenso in: Der Organisationsführungskurs, 1999, S. 42 ff. - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 25 - (Text 26)
 
 
 

[Text 27]:

 
Hubbard, HCO-Bulletin vom 15. September 1981 - vorgelegt von den Klägern als Anlage BB 56 a; zugleich in: Wie man Unterdrückung konfrontiert und zerschlägt - PTS/SP-Kurs, 2001, S. 73 - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 9 - (Text 27)
 
 
 
 
[Text 28]:

OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 18


  Scientology Kirche Deutschland, Erwiderung der Scientology Kirche auf: "Der Geheimdienst der Scientology-Organisation - Eine Publikation des Landesamtes für Verfassungsschutz Hamburg", Oktober 1998, S. 27 f. - vorgelegt von den Klägern als Anlage BB 70 - (Text 28)
 
 
 
 
[Text 29]:

OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 19


  Hubbard, Einführung in die Ethik der Scientology, 2007, S. 165 ff. - vorgelegt von den Klägern als Anlage BB 152, Beiakte Heft 43 - (Text 29)
 
 
 
 
[Text 30]:   
Hubbard, Einführung in die Ethik der Scientology, 2007, S. 391 ff. - vorgelegt von den Klägern als Anlage BB 152, Beiakte Heft 43 - (Text 30)
 
 
 
[Text 31]: Hubbard, in: Certainty, Bd. 13, Nr. 2, 2. Februar 1966; zugleich in: "Wie man Unterdrückung konfrontiert und zerschlägt" - PTS/SP-Kurs, 2001, S. 31 ff. - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 9 - (Text 31)
 
 
 
 
[Text 32]:

OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 20


  Hubbard, HCO-Bulletin vom 5. November 1967, zugleich in: "Wie man Unterdrückung konfrontiert und zerschlägt - PTS/SP-Kurs", 2001, S. 77 ff. - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 9 - (Text 32)
 
 
 
 
[Text 33]: Hubbard, HCO-Bulletin vom 10. Mai 1982, zugleich in: "Wie man Unterdrückung konfrontiert und zerschlägt - PTS/SP-Kurs", 2001, S. 80 - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 9 - (Text 33)
 
 
 
 
[Text 34]: Hubbard, Dianetik - Ein Leitfaden für den menschlichen Verstand, 2007, S. 371 ff. - vorgelegt von den Klägern als Anlage BB 152, Beiakte Heft 29 - (Text 34)
 



OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 21

[Text 35]:

Hubbard, Dianetik - Ein Leitfaden für den menschlichen Verstand, 2007, S. 481 ff. - vorgelegt von den Klägern als Anlage BB 152, Beiakte Heft 29 - (Text 35)
 
 
 
 
[Text 36]: Hubbard, HCO-Richtlinienbrief vom 1. Dezember 1979; zugleich in: "Wie man Unterdrückung konfrontiert und zerschlägt - PTS/SP-Kurs", 2001, S. 288 f. - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 9 - (Text 36)
 
 
 
[Text 37]:

OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 22


  Hubbard, Anweisung vom 13. März 1961, in: Organisations-Führungs-Kurs, Band 7, S. 487 - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 16 - (Text 37)
 
 
 
 
[Text 38]: Hubbard, HCO-Richtlinienbrief vom 16. Februar 1969, neu herausgegeben am 24. September 1987 - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 18 - (Text 38)



OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 23

[Text 39]:
 

Hubbard, Die Wissenschaft des Überlebens, 2007, S. 145 ff. - vorgelegt von den Klägern als Anlage BB 152, Beiakte Heft 30 - (Text 39)
 
 
 
[Text 40]:

OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 24

Hubbard, Die Wissenschaft des Überlebens, 2007, S. 149 ff. - vorgelegt von den Klägern als Anlage BB 152, Beiakte Heft 30 - (Text 40)
 
 
 
 
[Text 41]: - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 37 - (Text 41)
 
 
 
 
[Text 42]: Hubbard, HCO-Richtlinienbrief vom 27. März 1965 - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 51; ebenso in: Einführung in die Ethik der Scientology, 2007, S. 293 f. - vorgelegt von den Klägern als Anlage BB 152, Beiakte Heft 43 - (Text 42)
 
 
 
 
[Text 43]:

OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 25


  Hubbard, HCO-Führungsbrief vom 18. März 1965 - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 17 - (Text 43)
 
 
 
 
[Text 44]: David Miscavige (Vorsitzender des Vorstands RTC), in: International Scientology News, Ausgabe 27, 2004, S. 18 -vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 63 - (Text 44)
 
 
 
 
[Text 45]: David Miscavige, in: International Scientology News, Ausgabe 30, 2005, S. 33 - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 88 - (Text 45)
 
 
 
 
[Text 46]:

OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 26

David Miscavige, in: Impact - Das Magazin der International Association of Scientologists, Ausgabe 112, 2006, S. 19, 55 - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 148 - (Text 46)
 
 
 
 
[Text 47]: Auszug aus einem an Mitglieder des Scientology Kirche e.V. adressierten Rundschreiben vom November 2006 - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 158 (Text 47)
 
 
 
[Text 48]:
  Schreiben des Scientology Kirche e.V. vom 24. Mai 2007 an das Bundesministerium des Innern - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 159 - (Text 48)
 
 
 
 
[Text 49]:

OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 27

Auszug aus: International Scientology News, Ausgabe 35, 2007, S. 18, 25 - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 163 - (Text 49)
 
 
 
 
[Text 50]: Hubbard, HCO-Richtlinienbrief vom 26. Oktober 1967 - vorgelegt von den Klägern als Anlage BB 227 a - (Text 50)
 
 
 
[Text 51]:
  Hubbard, HCO-Richtlinienbrief vom 25. Februar 1966 - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 174 - (Text 51)



OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 28


 
[Text 52]: Hubbard, PAB 13 - Bulletin für professionelle Auditoren, ca. Mitte November 1953; zugleich in: "Wie man Unterdrückung konfrontiert und zerschlägt - PTS/SP-Kurs", 2001, S. 17 ff. - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 9 - (Text 52)
 
 
 
 
[Text 53]:

OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 29


  Hubbard, HCO-Richtlinienbrief vom 23. Dezember 1965 RB, revidiert am 8. Januar 1991; zugleich in: "Wie man Unterdrückung konfrontiert und zerschlägt - PTS/SP-Kurs", 2001, S. 126 ff. - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 9 - (Text 53)
 
 
 
 
[Text 54]: Hubbard, in: Ability - Die Zeitschrift der Dianetik und Scientology, Phoenix, Arizona, von Mitte März 1955, S. 988 - vorgelegt von den Klägern als Anlage BB 44 mit deutscher Übersetzung (Bl. 1041 der Gerichtsakte) - (Text 54)
 
 
 
 
[Text 55]: Hubbard, Vortrag vom 3. Januar 1960 - vorgelegt von den Klägern als Anlage K 68 mit deutscher Übersetzung (Bl. 645 f. der Gerichtsakte) - (Text 55)
 
 
 
 
[Text 56]: Hubbard, HCO-Richtlinienbrief vom 15. August 1960 - vorgelegt von der Beklagten als Anlage B 101; deutsche Übersetzung durch die Kläger (Bl. 1089 der Gerichtsakte) - (Text 56)
 
 
 
 
[Text 57]:

OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 30

Hubbard, Government & Organisation vom 1. November 1966, S. 9 - vorgelegt von den Klägern als Anlage 68 zu Anlage K 11 (englische Fassung) mit deutscher Übersetzung (Bl. 1139 f. d.GA) - (Text 57)
 
 
 
[Text 58]: Hubbard, Dianetik - Ein Leitfaden für den menschlichen Verstand, 2007, S. 13 ff. und S. 135 - vorgelegt von den Klägern als Anlage BB 152, Beiakte Heft 29 - (Text 58)

[Ende des Zitat-Teils]
 
 
 
 
 

Am 6. Juni 1997 beschloss die Ständige Konferenz der Innenminister und - senatoren (IMK), die Scientology-Organisation durch die Verfassungsschutzbehörden des Bundes und der Länder beobachten zu lassen. Grundlage des Beschlusses war ein im Mai 1997 vorgelegter Bericht einer Bund- Länder-Arbeitsgruppe, der zu dem Ergebnis kam, es lägen tatsächliche Anhaltspunkte für verfassungsfeindliche Bestrebungen der Organisation vor. Im Zuge dessen werden die Kläger fortlaufend seit 1997 durch das Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet, wobei auch nachrichtendienstliche Mittel eingesetzt werden. Ebenfalls seit 1997 wird in den jährlichen Verfassungsschutzberichten des Bundesministeriums des Innern über Scientology berichtet.

Mit Schreiben vom 7. März 2003 forderten die Kläger das Bundesamt für Verfassungsschutz auf, die Beobachtung einzustellen. Das Bundesamt lehnte dies mit Schreiben vom 14. März 2003 ab.



OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 31

Die Kläger haben am 31. März 2003 Klage erhoben und zur Begründung im Wesentlichen geltend gemacht:

Die Voraussetzungen für eine Beobachtung nach dem Bundesverfassungsschutzgesetz (BVerfSchG) seien nicht gegeben. Tatsächliche Anhaltspunkte für Bestrebungen im Sinne von §§ 3 Abs. 1 Nr. 1, 4 Abs. 1 Satz 1 Buchst. c) BVerfSchG lägen nicht vor. Das Wirken der Kläger sei nicht "politisch" bestimmt, weil es nicht auf die Teilnahme an der politischen Willensbildung ziele. Ebenso fehle es an "ziel- und zweckgerichteten Verhaltensweisen". Die Kläger widmeten sich allein ihren religiösen und karitativen Aufgaben. Soweit sie sich darum bemühten, neue Mitglieder zu werben, sei dies nicht nur legitim, sondern zudem von Art. 4 Abs. 1 und 2 GG geschützt. Aus dem Schrifttum von Scientology ergäbe sich ebenfalls kein Anhalt für verfassungsfeindliche Bestrebungen. Insbesondere lägen keine tatsächlichen Anhaltspunkte dafür vor, dass das Wirken von Scientology darauf gerichtet wäre, die in § 4 Abs. 2 Buchst. a) und g) BVerfSchG genannten Verfassungsgrundsätze zu beseitigen oder außer Geltung zu setzen. Aber selbst wenn in der Vergangenheit die Voraussetzungen für eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz gegeben gewesen sein sollten, sei jedenfalls heute eine weitere Beobachtung unzulässig. Es sei mit dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit unvereinbar, wenn einmal gegebene Verdachtsmomente zu einer Dauerbeobachtung führten, obgleich - wie bei den Klägern der Fall - sich über eine mehrjährige Beobachtungszeit der Verdacht verfassungsfeindlicher Bestrebungen nicht bestätigt habe und die seinerzeit für die Aufnahme der Beobachtung maßgeblichen Umstände im Wesentlichen unverändert geblieben seien. Insbesondere erweise sich vor diesem Hintergrund eine Beobachtung mit nachrichtendienstlichen Mitteln als nicht erforderlich. Besonderes Gewicht komme dabei dem Gesichtspunkt zu, dass die Kläger die Schutzwirkungen der Art. 4 Abs. 1 und 2, Art. 9 Abs. 1 GG für sich in Anspruch nehmen könnten.
 

Die Kläger haben beantragt,
 



OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 32


 
 

Die Beklagte hat beantragt,
 

Zur Begründung hat sie im Wesentlichen vorgetragen:

Ungeachtet der Frage, ob die Kläger als Religionsgemeinschaften im Sinne von Art. 4 Abs. 1 GG zu qualifizieren seien, lägen die Voraussetzungen für eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz weiterhin vor. Bei objektiver Betrachtungsweise sei das Wirken der Kläger zumindest auch "politisch" bestimmt. Dies ergebe sich aus der Lehre, den Zielen und dem Gesamtgepräge von Scientology bzw. aus ihrem Schrifttum. Der Wunsch, eine Zivilisation bestimmten Zuschnitts zu errichten und damit alle Bereiche des Menschen und der Gesellschaft zu erfassen, sei zwangsläufig politisch. Scientology strebe eine Expansion in die Gesellschaft hinein an, die notwendigerweise auch die Erringung politischen Einflusses und politischer Macht einschließe. Aus dem Schrifttum von Scientology ließen sich tatsächliche Anhaltspunkte dafür entnehmen, dass die Organisation verfassungsfeindliche Zielsetzungen verfolge. Es sei insoweit unerheblich, dass die in Rede stehenden Schrifttumsauszüge lediglich einen Teilbereich der Aktivitäten der Organisation darstellten. Von Belang seien auch interne Verwaltungs- bzw. Organisationsanweisungen. Alle Äußerungen Hubbards und der amerikanischen Mutterorganisation einschließlich deren Leitungsgremien seien den Klägern zurechenbar, weil sie an diese materiellen Vorgaben gebunden seien. Danach bestünden tatsächliche Anhaltspunkte dafür, dass in einer scientologisch bestimmten Gesellschaft die im Grundgesetz konkretisierten Bürger- und Menschenrechte nicht mehr für alle gleichermaßen gelten sollten, insbesondere von Scientology als Gegner begriffenen Menschen Rechte vorenthalten werden sollten. Ferner lägen tatsächliche Anhaltspunkte dafür vor, dass die Kläger das Recht des Volkes, die Staatsgewalt in Wahlen und Abstimmungen auszuüben und die Volksvertretung in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl zu wählen, beseitigen oder außer Geltung setzen wollten. Das



OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 33

Tatbestandsmerkmal der "Verhaltensweise" im Sinne von § 4 Abs. 1 Satz 1 Buchst. c) BVerfSchG sei erfüllt. Insbesondere bemühten sich die Kläger über die Werbung neuer Mitglieder um eine Expansion der Scientology- Organisation. Es handele sich bei der Beobachtung der Kläger auch nicht um eine unzulässige Dauerbeobachtung. Der Verdacht verfassungsfeindlicher Bestrebungen habe sich bestätigt. Schließlich sei eine Beobachtung mit nachrichtendienstlichen Mitteln nach § 9 BVerfSchG erforderlich. Ein Teil des Schrifttums von Scientology werde geheim gehalten bzw. sei nur für (einige) Mitglieder erhältlich.

Das Verwaltungsgericht hat die Klage mit Urteil vom 11. November 2004, auf das Bezug genommen wird, abgewiesen. Es hat dazu u.a. ausgeführt: Es lägen tatsächliche Anhaltspunkte dafür vor, dass Scientology Bestrebungen verfolge, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtet seien. Aus einer Vielzahl von - teilweise nicht öffentlich zugänglichen - Quellen ergäbe sich, dass wesentliche Grund- und Menschenrechte - darunter die Menschenwürde und das Recht auf Gleichbehandlung - außer Kraft gesetzt oder eingeschränkt werden sollten. Ferner strebe Scientology eine Gesellschaft ohne allgemeine und gleiche Wahlen an. Diese verfassungsfeindlichen Zielsetzungen rechtfertigten die Beobachtung durch den Verfassungsschutz auch gegenwärtig noch. Dass Scientology sich als Religionsgemeinschaft verstehe, ändere daran nichts.
 

Zur Begründung ihrer vom Verwaltungsgericht zugelassenen Berufung tragen die Kläger im Wesentlichen vor:

Das "Vorliegen tatsächlicher Anhaltspunkte" im Sinne von § 4 Abs. 1 Satz 3 BVerfSchG setze vielfältige Einzelakte voraus, die auf die Beseitigung oder Außer- Geltungsetzung von Verfassungsgrundsätzen abzielten. Die Einzelakte müssten in einer Evidenz und Dichte vorliegen, die die Feststellung rechtfertigten, dass die betreffende Gruppierung eindeutig von einer verfassungsfeindlichen Grundtendenz beherrscht sei. Es sei eine Gesamtschau und -würdigung der Verlautbarungen der Gruppe vorzunehmen, die sich nicht nur auf aus dem Zusammenhang gerissene Zitate aus dem Schrifttum, auf Wortbeiträge von Funktionären oder Äußerungen einzelner Mitglieder beschränken dürfe, sondern ebenso



OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 34

entlastende Belege in den Blick zu nehmen habe. Voraussetzung sei ferner, dass von der Gruppierung ein konkretes Gefahrenpotential ausgehe und ein Schadenseintritt hinreichend wahrscheinlich sei. An alldem fehle es im Fall der Kläger. Dies folge bereits daraus, dass die in dem angefochtenen Urteil als Beleg für die angeblichen verfassungsfeindlichen Bestrebungen der Kläger angeführten Quellen gemessen an der Gesamtheit der schriftlichen und mündlichen Äußerungen Hubbards und der Mutterkirche lediglich einen winzigen Bruchteil des Gesamtbestandes ausmachten. Zudem seien die inkriminierten Äußerungen ganz überwiegend internen Verwaltungsanweisungen entnommen, denen keine prägende Wirkung in Bezug auf die Grundtendenz der Kläger zukomme. Die von der Beklagten herausgegriffenen Verlautbarungen hätten im Gesamtbild der Kläger weder eine quantitativ noch qualitativ hervorgehobene Stellung und im Übrigen auch nicht den von der Beklagten unterstellten Inhalt.

Das Verwaltungsgericht habe bei der Anwendung und Auslegung der §§ 8 Abs. 1, 3 Abs. 1 Nr. 1, 4 Abs. 1 Satz 3 BVerfSchG die Entstehungsgeschichte des Gesetzes sowie die Schutzwirkungen der Grundrechtspositionen der Kläger verkannt. Ebenso wenig würde den Anforderungen der Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten, insbesondere aus Art. 9 und Art. 11 EMRK, angemessen Rechnung getragen. Aufgrund der Eingriffsintensität der Beobachtung durch den Verfassungsschutz sei eine restriktive Auslegung der tatbestandlichen Eingriffsvoraussetzungen geboten. Bei historischer Auslegung ziele der Begriff "Bestrebungen" in § 4 Abs. 1 BVerfSchG auf umstürzlerische, gegen die Bundesregierung gerichtete Tätigkeiten. "Politische Bestrebungen" im Sinne der Verfassungsschutzgesetze seien nur Tätigkeiten, die auf den Gewinn staatlicher Macht gerichtet seien. Solche Aktivitäten seien bei den Klägern nicht festzustellen. Allein das tatsächliche Verhalten der Kläger und ihrer Mitglieder dürfe in die Prüfung einbezogen werden, ob tatsächliche Anhaltspunkte für verfassungsfeindliche Zielsetzungen gegeben seien. Von vornherein außer Betracht zu bleiben hätten die bloße Verbreitung des religiösen Glaubens und der Lehre sowie die Werbung neuer Mitglieder. Diese Tätigkeiten der Kläger unterfielen dem Schutzbereich von Art. 4 Abs. 1 und 2 GG sowie Art. 9 EMRK und seien einer inhaltlichen Bewertung durch den Staat entzogen.



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Bei den Klägern handele es sich um Religionsgemeinschaften im Sinne von Art. 4 GG, Art. 140 GG i.V.m. Art 137 WRV. Dies werde durch eine Vielzahl von Gerichtsentscheidungen sowie die weltweite Anerkennung der Scientology Kirche als Religionsgemeinschaft bestätigt. Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte habe mit Urteil vom 5. April 2007 (Scientology Kirche Moskau ./. Russland, Az. 18147/02) festgestellt, dass Scientology eine Religion und die Scientology Kirche eine Religionsgemeinschaft sei. Die Lehre von Scientology erfülle die rechtlichen Kriterien einer Religion. Sie gehe von einer transzendentalen Welterklärung aus. Grundlage sei das sogenannte Theta-Universum, das auf rein geistiger, unstofflicher Ebene existiere, nicht fassbar und erklärbar sei. Der Einzelne sei als unsterbliche, sich wiederverkörpernde Seele dessen unauslöschlicher ewiger Bestandteil. Alles Streben der Scientology Kirche sei auf diese unsterbliche Identität gerichtet und auf ihre spirituelle Befreiung aus den materiellen Verstrickungen des Lebens bis hin zur völligen spirituellen Erlösung jedes Einzelnen. Die Scientology Religion gehe von der Existenz eines Gottes oder Höchsten Wesens aus und verstehe sich als direkte Fortsetzung des Werkes von Gautama Siddharta (Buddha). Die Scientology-Seelsorge in der Form des Auditings sei der Weg der Auflösung der auf geistiger Ebene selbstverursachten Selbstbeschränkung in der jetzigen oder in früheren Existenzen. Der "Weg zur völligen Freiheit"", intern als "Die Brücke" bezeichnet, sei die Wiedererlangung der spirituellen Freiheit. Hubbard habe die auf diesem Erlösungsweg zu erreichenden Bewusstseins- und Erlösungszustände definiert. "Clear" und "OT" (Operating Thetan) seien die wesentlichen Erlösungsstufen des Einzelnen. Das Selbstverständnis und die religiöse Lehre der Kläger beinhalteten den Gedanken der Menschenrechte ebenso wie die Unterstützung des Staates.
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Die Beklagte zeige keine "Verhaltensweisen" im Sinne von § 4 Abs. 1 Satz 1 Buchst. c) BVerfSchG auf, sondern ziehe sich auf das Zitieren von Schriften der Scientology Kirche und von Hubbard zurück. Dabei maße sie sich an, die Schriften interpretieren zu können und komme zu fehlerhaften Bewertungen. Maßgeblich sei indes, welches Verständnis Scientology den Schriften beimesse. Die Beklagte lasse insbesondere die Entstehungsgeschichte des Schrifttums unberücksichtigt.



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Soweit sie auf Werke Hubbards aus den Jahren 1950 bis 1953, also auf Schriften aus der Zeit vor der Gründung der Scientology Kirche verweise, handele es sich bei den darin geäußerten Gedanken und Überlegungen nicht um für Scientology verbindliche Zielvorstellungen. Der überwiegende Teil der übrigen von der Beklagten herangezogenen Quellen beziehe sich allein auf das interne Leben der Kirche. Mit der Anknüpfung der verfassungsschutzbehördlichen Beobachtung an diese Quellen verletze die Beklagte das Gebot staatlicher Neutralität in religiösen Belangen sowie das Selbstverwaltungsrecht der Kläger aus Art. 4 GG, Art. 140 GG i.V.m. Art 137 WRV. Zu beanstanden sei insbesondere die Methode der Beklagten, die Schriften aus ihrem Innenbezug zu lösen und ihnen einen nicht vorhandenen Außenbezug zu geben. Beispiele dafür seien u.a. die Redefinition von "Clear Planet" in "Weltherrschaft", von Überlegungen und Gedanken in "Zielsetzungen", von Missionierung in "Infiltration des Staates". Allenfalls könne davon gesprochen werden, dass von Scientology eine gesellschaftliche Langzeitwirkung ausgehe, indem der Erlösungsweg den Einzelnen ethisch, moralisch und glücklich mache und dadurch zu einem sozialen und wirtschaftlichen Aufleben der gesamten Gesellschaft führe. Von einer direkten Einflussnahme auf politische Prozesse des Landes könne indes keine Rede sein. Ebenso wenig gebe es in Scientology ein "politisches Programm". Aus den Äußerungen Hubbards lasse sich auch keine demokratiefeindliche Einstellung entnehmen. Hubbard sei lediglich zu dem Schluss gekommen, dass Personen, die die Erlösungsstufe "Clear" erreicht hätten, bessere Demokraten seien und demnach die Staatsform Demokratie noch besser funktionieren würde, wenn alle Menschen "Clear" wären. Schließlich wolle Scientology nicht die staatlichen Strukturen ersetzen, sondern vielmehr die bestehende staatliche Ordnung wahren und unterstützen. Darauf verweise auch die in den Satzungen der Kläger enthaltene Verpflichtung zur Gesetzeskonformität.

Aus dem internen Disziplinarrecht ergäben sich keine tatsächlichen Anhaltspunkte für den Verdacht verfassungsfeindlicher Bestrebungen. Die von der Beklagten herangezogene "Suppressive Person Declare" bedeute in der Praxis von Scientology nichts anderes als die Exkommunikation bei den Amtskirchen. Abgesehen davon handele es sich allein um eine Frage des innerkirchlichen Rechts. Die von



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der Beklagten in diesem Zusammenhang unterstellte "Fair-Game-Praxis" habe es nie gegeben. Auch sei die von der Beklagten missverstandene "Fair Game- Richtlinie" bereits im Jahre Ende 1968 aufgehoben worden. Bereits aufgrund ihres Glaubensbekenntnisses und ihres Wertekodexes stehe die Scientology Kirche auf dem Boden der Verfassung, insbesondere der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Weitere Schrifttumsquellen bestätigten dies ebenso wie zahlreiche soziale und karitative Programme. Insbesondere gebe es nach dem Selbstverständnis von Scientology keine Unterteilung der Menschen in "Aberrierte" und "Nichtaberrierte" oder "Clears" mit daraus abgeleiteten unterschiedlichen Rechten. Das angefochtene Urteil gehe ferner fehl in der Annahme, Scientology strebe danach, dass nur Scientologen als "ehrlichen" Menschen die staatsbürgerlichen Rechte zuerkannt und Nicht-Scientologen diese Rechte abgesprochen werden sollten.

Die weitere Beobachtung der Kläger erweise sich angesichts der Eingriffsintensität in die Grundrechte der Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit sowie informationellen Selbstbestimmung als unverhältnismäßig. Dies gelte im besonderen Maße für eine Beobachtung mit nachrichtendienstlichen Mitteln. Es sei bereits zweifelhaft, ob § 9 BVerfSchG auf Religionsgemeinschaften ohne Weiteres Anwendung finde. Jedenfalls lasse sich der Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel nicht mit dem Argument rechtfertigen, die Beklagte habe bestimmte Quellen nur auf diesem Weg erlangen können. Das insoweit als Beleg angeführte Material sei vielmehr öffentlich erhältlich gewesen bzw. habe der Beklagten bereits vorgelegen.
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Die Kläger beantragen,

das angefochtene Urteil zu ändern und die Beklagte zu verurteilen, es zu unterlassen, über sie und ihre Mitglieder Informationen, insbesondere sach- und personenbezogene Daten, Auskünfte, Nachrichten und Unterlagen zu sammeln und auszuwerten,

hilfsweise

die Beklagte hat zu unterlassen, die Kläger unter Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel zu beobachten.



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Die Beklagte beantragt,
 

Sie verteidigt unter Vertiefung ihres erstinstanzlichen Vorbringens das angefochtene Urteil und macht darüber hinaus im Wesentlichen geltend:
 

Das erstinstanzliche Urteil stehe zu der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 24. Mai 2005 (1 BvR 1072/01) nicht dadurch in Widerspruch, dass es bei der Prüfung der Tatbestandsvoraussetzungen des § 4 Abs. 1 Satz 3 BVerfSchG auf den Maßstab "bei vernünftiger Betrachtung" abgestellt habe. Die Ausführungen des Bundesverfassungsgerichts besagten allein, dass aus einer nicht intendierten objektiven Wirkung einer (Meinungs-)Äußerung nicht zwingend auf eine subjektive verfassungsfeindliche Zielsetzung geschlossen werden könne. Es habe indes nicht gesagt, dass es ausgeschlossen sei, aus der objektiven Wirkung auf die intendierte Wirkung zu schließen. Insoweit sei zu berücksichtigen, dass ohne besondere Anhaltspunkte im Allgemeinen kein Anlass für die Annahme bestehe, der Äußernde habe die Wirkung seiner Äußerung auf andere falsch eingeschätzt. Besonderes Gewicht komme dem Kontext der Äußerung zu sowie der Gesamtschau mehrerer Äußerungen. Nach diesen Maßgaben habe das Verwaltungsgericht zu Recht das Vorliegen tatsächlicher Anhaltspunkte im Sinne von § 4 Abs. 1 Satz 1 Buchst. c), Satz 3 BVerfSchG bejaht.

Selbst wenn man zugunsten der Kläger unterstellte, sie könnten sich auf Art. 4 Abs. 1 und 2 GG berufen, sei ihre verfassungsschutzbehördliche Beobachtung zulässig. Auch der neutrale Staat sei nicht gehindert, das tatsächliche Verhalten einer religiösen oder weltanschaulichen Gruppierung bzw. ihrer Mitglieder nach weltlichen Kriterien zu beurteilen, selbst wenn dieses Verhalten letztlich religiös/ weltanschaulich motiviert sei. Lediglich die Regelung genuin religiöser oder weltanschaulicher Fragen, die Einmischung in Überzeugungen, Handlungen und Darstellung religiöser bzw. weltanschaulicher Gemeinschaften sei dem Staat untersagt. Abgesehen davon sprächen beachtliche Gesichtspunkte dafür, dass



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es sich bei der Scientology-Organisation und den Klägern entgegen deren Selbstverständnis nicht um Religionsgemeinschaften handele. Es bestünden Anhaltspunkte, wonach der angeblich religiöse Charakter der scientologischen Lehre nur vorgeschoben sei, um in den Genuss der mit dem Status einer Religionsgemeinschaft verbundenen Vorteile zu gelangen.

Die Kläger müssten sich die Schriften Hubbards zurechnen lassen, weil sie selbst stets deren Verbindlichkeit für sich betonten. Entsprechendes gelte für die internen und externen Verlautbarungen der Scientology-Organisation seit dem Tode Hubbards. Die Kläger seien strikt in die hierarchische Struktur der Organisation eingebunden. Alle wesentlichen Entscheidungen würden auf übergeordneter Ebene getroffen oder sanktioniert. Für die Prüfung, ob in Bezug auf die Kläger tatsächliche Anhaltspunkte für verfassungsfeindliche Bestrebungen vorliegen, könnten auch die H(ubbard)C(Communications)O(ffice)-Richtlinienbriefe und -Bulletins herangezogen werden. Daraus ergäben sich Handlungsanweisungen nicht nur für Mitarbeiter von Scientology, sondern ebenso für die einfachen Mitglieder. Im Übrigen werde der Charakter der Organisation auch durch verwaltungsinterne Vorgaben geprägt. Von Relevanz seien ferner die frühen Werke Hubbards wie "Dianetik" und "Wissenschaft des Überlebens". Sie würden weiterhin beworben. Zudem sprächen Bezugnahmen in sonstigen Äußerungen von Scientology dagegen, dass die in den Büchern geäußerten Vorstellungen keine Gültigkeit mehr hätten oder nebensächlich seien.

Entgegen dem von den Klägern vorgelegten Gutachten sei das von Scientology verfolgte Ziel einer "neuen Zivilisation" nach scientologischen Vorstellungen nicht lediglich als eine "eschatologisch-utopische" Idee zu bewerten. Es handele sich vielmehr um eine politische Zielvorstellung. Scientology beabsichtige und arbeite daran, die "neue Zivilisation" in der diesseitigen Welt zu verwirklichen.

Die politischen Aktivitäten der Scientology-Organisation würden weltweit unvermindert weitergehen. Besonders in und für das Jahr 2005 seien massive Expansionsabsichten propagiert worden, die mit einem Eindringen in die Gesellschaft, mit Ausstellungen und Ansprachen von Politikern, Führungskräften und Volksvertretern



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verbunden sein sollten. Auch für die Folgezeit lasse sich das Bestreben feststellen, Einfluss auf Regierungen, Parlamente und Verwaltungen zu gewinnen. Die Scientology-Organisation betreibe ferner eine intensive und systematische Schulung ihrer Mitglieder, die auf die Gesamtpersönlichkeit abziele und die Mitglieder zum bewussten Kämpfer für eine Weltanschauung erziehen wolle, die den Anschauungen einer freiheitlichen Demokratie feindlich gegenüberstehe. Damit solle eine Schwächung und Zersetzung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung bewirkt werden. Dieser Typus von Aktivitäten genüge, um das Tatbestandsmerkmal der "politisch bestimmten, ziel- und zweckgerichteten Verhaltensweisen" im Sinne von § 4 Abs. 1 Satz 1 Buchst. c) BVerfSchG zu erfüllen. Nicht zu verlangen seien ein "aktiv-kämpferisches Tun" oder "umstürzlerische Tätigkeiten". Die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zu den Voraussetzungen eines Parteiverbots, auf die die Kläger in diesem Zusammenhang Bezug nähmen, gebe dafür nichts her.

Tatsächliche Anhaltspunkte für verfassungsfeindliche Bestrebungen der Kläger ergäben sich insbesondere vor dem Hintergrund eines allgemein verunglimpfenden und diffamierenden Umganges mit Gegnern und Kritikern, der in der scientologischen Ideologie fundierten menschenverachtenden Praxis, Personen zu "suppressive persons" zu erklären, der scientologischen Vorstellung einer Zweiklassengesellschaft sowie der pauschalen Diffamierung der Demokratie.

Die verfassungsschutzbehördliche Beobachtung der Kläger sei erforderlich. Die Befugnis zum Sammeln und Auswerten von Informationen entfalle nicht, wenn sich der Verdacht verfassungsfeindlicher Bestrebungen bestätigt habe. Entsprechend der Aufgabe und Funktion des Verfassungsschutzes sei eine weitere Beobachtung vielmehr zulässig, solange tatsächliche Anhaltspunkte für verfassungsfeindliche Bestrebungen vorlägen. Es bedürfe insbesondere der fortgesetzten Beobachtung konkreter Aktionen wie des Versuchs der Einflussnahme auf politische und gesellschaftliche Entscheidungsträger, Maßnahmen gegen "unterdrückerische Personen", Expansionsbestrebungen durch Werbemaßnahmen, Neueröffnungen von Niederlassungen. Die weitere Beobachtung sei auch verhältnismäßig im engeren Sinne. Die Betätigung der Kläger als solche werde



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weder untersagt noch unmöglich gemacht. Etwaige Beeinträchtigungen bei der Mitgliederwerbung und Verbreitung ihrer Vorstellungen hätten die Kläger angesichts der schwerwiegenden Anhaltspunkte für verfassungsfeindliche Bestrebungen hinzunehmen. Von der Scientology-Organisation gehe eine erhebliche Gefahr aus. Die Berufung der Kläger auf die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Rasterfahndung vom 4. April 2006 (1 BvR 518/02) führe nicht zu einer abweichenden Bewertung. Es handele sich um eine in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht nicht vergleichbare Fallgestaltung. Ebenso wenig lasse sich eine Unzulässigkeit der Beobachtung aus dem Umstand ableiten, dass im Einzelfall die Weitergabe von Informationen durch die Verfassungsschutzbehörde rechtswidrig sein könne. Die Maßnahme der Datenübermittlung sei selbstständig im Rechtswege überprüfbar. Unzutreffend sei schließlich der Vorwurf der Kläger, jedes ihrer Mitglieder müsse damit rechnen, durch Abhören des Telefons, Lauschangriffe, Videoüberwachung oder Ermittlungen im persönlichen Umfeld ausgespäht zu werden. Bei einem Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel werde in jedem Einzelfall die Verhältnismäßigkeit der Maßnahme gemäß § 8 Abs. 5 BVerfSchG geprüft. Die begehrte generelle Untersagung des Einsatzes nachrichtendienstlicher Mittel komme nicht in Betracht.

Die von den Klägern unter Bezugnahme auf ihren Schriftsatz vom 12. Februar 2008 förmlich zu Protokoll gestellten Verfahrens- und Beweisanträge hat der Senat in der mündlichen Verhandlung im Beschlusswege zurückgewiesen. Hinsichtlich der Einzelheiten einschließlich des Inhalts der Anträge und der Begründung für deren Ablehnung wird auf das Sitzungsprotokoll vom 12. Februar 2008 sowie den Schriftsatz der Kläger vom 12. Februar 2008 verwiesen.

Wegen des Sach- und Streitstandes im Übrigen wird Bezug genommen auf die Gerichtsakten, auf die von den Beteiligten vorgelegten Anlagen (von den Klägern: K 1 bis K 123, BB 1 bis BB 278; von der Beklagten: B 1 bis B 250) sowie auf die Verwaltungsvorgänge der Beklagten.

 
 



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Entscheidungsgründe:

Die Berufung hat keinen Erfolg. Das Verwaltungsgericht hat die Klage zu Recht abgewiesen.

Die Klage, deren Hauptantrag den in der mündlichen Verhandlung vor dem Senat gestellten "Hilfsantrag" bereits umfasst, ist unbegründet. Das Bundesamt für Verfassungsschutz darf die Kläger und ihre Mitglieder weiterhin beobachten und dabei auch nachrichtendienstliche Mittel einsetzen.

1.   Rechtsgrundlage dafür ist § 8 Abs. 1 des Gesetzes über die Zusammenarbeit des Bundes und der Länder in Angelegenheiten des Verfassungsschutzes und über das Bundesamt für Verfassungsschutz (Bundesverfassungsschutzgesetz - BVerfSchG) vom 20. Dezember 1990 (BGBl. I S. 2954), zuletzt geändert durch Gesetz vom 23. November 2007 (BGBl. I S. 2590). Danach darf das Bundesamt für Verfassungsschutz die zur Erfüllung seiner Aufgaben erforderlichen Informationen einschließlich personenbezogener Daten erheben, verarbeiten und nutzen. Zu seinen Aufgaben gehört nach § 3 Abs. 1 Nr. 1, 1. Alt. BVerfSchG u.a. die Sammlung und Auswertung von Informationen, insbesondere von sach- und personenbezogenen Auskünften, Nachrichten und Unterlagen über Bestrebungen, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtet sind. Gemäß § 4 Abs. 1 Satz 3 BVerfSchG ist Voraussetzung für die Sammlung und Auswertung das Vorliegen tatsächlicher Anhaltspunkte für solche Bestrebungen.

Nach § 4 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Buchst. c) BVerfSchG sind Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung solche politisch bestimmten, ziel- und zweckgerichteten Verhaltensweisen in einem oder für einen Personenzusammenschluss, der darauf gerichtet ist, einen der in § 4 Abs. 2 BVerfSchG genannten Verfassungsgrundsätze zu beseitigen oder außer Geltung zu setzen. Zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung zählen u.a. das Recht des Volkes, die Volksvertretung in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl zu wählen (§ 4 Abs. 2 Buchst. a)) sowie die im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechte (Buchst. g)).



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Sind zur Erfüllung der Aufgabe nach § 3 Abs. 1 BVerfSchG verschiedene Maßnahmen geeignet, hat das Bundesamt für Verfassungsschutz nach § 8 Abs. 5 Satz 1 BVerfSchG diejenige zu wählen, die den Betroffenen voraussichtlich am wenigsten beeinträchtigt. Nach § 8 Abs. 5 Satz 2 BVerfSchG darf eine Maßnahme keinen Nachteil herbeiführen, der erkennbar außer Verhältnis zu dem beabsichtigten Erfolg steht.

Nach § 9 Abs. 1 Satz 1 BVerfSchG darf das Bundesamt Informationen, insbesondere personenbezogene Daten, mit den Mitteln gemäß § 8 Abs. 2 BVerfSchG (nachrichtendienstliche Mittel) erheben, wenn Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass auf diese Weise Erkenntnisse über Bestrebungen oder Tätigkeiten nach § 3 Abs. 1 BVerfSchG oder die zur Erforschung solcher Erkenntnisse erforderlichen Quellen gewonnen werden können (Nr. 1) oder dies zum Schutz der Mitarbeiter, Einrichtungen, Gegenstände und Quellen des Bundesamtes gegen sicherheitsgefährdende oder geheimdienstliche Tätigkeiten erforderlich ist (Nr. 2). Zu den nachrichtendienstlichen Mitteln gehören Methoden, Gegenstände und Instrumente zur heimlichen Informationsbeschaffung wie der Einsatz von Vertrauensleuten und Gewährspersonen, Observationen, Bild- und Tonaufzeichnungen, Tarnpapiere und Tarnkennzeichen. Nach § 9 Abs. 1 Satz 2 BVerfSchG ist die Erhebung unzulässig, wenn die Erforschung des Sachverhalts auf andere, den Betroffenen weniger beeinträchtigende Weise möglich ist; eine geringere Beeinträchtigung ist in der Regel anzunehmen, wenn die Information aus allgemein zugänglichen Quellen oder durch eine behördliche Auskunft nach § 18 Abs. 3 BVerfSchG gewonnen werden kann. Nach § 9 Abs. 1 Satz 3 BVerfSchG darf die Anwendung eines nachrichtendienstlichen Mittels nicht erkennbar außer Verhältnis zur Bedeutung des aufzuklärenden Sachverhalts stehen. Nach § 9 Abs. 1 Satz 4 BVerfSchG ist die Maßnahme unverzüglich zu beenden, wenn ihr Zweck erreicht ist oder sich Anhaltspunkte dafür ergeben, dass er nicht oder nicht auf diese Weise erreicht werden kann.

Die genannten Normen scheiden nicht deshalb von vornherein als Rechtsgrundlage aus, weil die Kläger sich als Religionsgemeinschaften verstehen und sich



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auf den Schutz aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG berufen. Denn es begegnet keinen durchgreifenden Bedenken, die hier in Rede stehenden Bestimmungen des Bundesverfassungsschutzgesetzes auch auf Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften anzuwenden. Danach bestand entsprechend § 244 Abs. 3 Satz 2 2. Alt. StPO keine Veranlassung, den Beweisanträgen der Kläger zu II. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 und 30 nachzugehen. Die darin unter Beweis gestellten Tatsachen sind nicht entscheidungserheblich, weil sie allein beweisen sollen, dass die Kläger Religionsgemeinschaften sind.

Die Grundrechte des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG sind nicht schrankenlos gewährleistet. Ihre Grenzen werden allerdings allein durch andere Rechtsgüter von Verfassungsrang bestimmt. Dabei ist der Konflikt mit den anderen verfassungsrechtlich geschützten Gütern nach dem Grundsatz praktischer Konkordanz zu lösen, wonach die widerstreitenden Rechtspositionen in einen möglichst schonenden Ausgleich zu bringen sind. Eine verfassungsrechtliche Legitimation des Eingriffs in die Freiheiten des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ist um so eher gegeben, je mehr das beanstandete staatliche Handeln dem Schutz der im Einzelfall kollidierenden Grundrechte anderer oder der Gewährleistung verfassungsrechtlich hervorgehobener Gemeinschaftsgüter dient.
 

Gemessen daran begegnet eine Anwendung der hier in Rede stehenden Bestimmungen des Bundesverfassungsschutzgesetzes auf Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften keinen durchgreifenden verfassungsrechtlichen Bedenken. Die Verfassungsschutzbehörden der Bundesrepublik Deutschland sind aufgrund der staatlichen Verantwortung für den verfassungsrechtlich hervorgehobenen Schutz der freiheitlichen demokratischen Grundordnung (vgl. Art. 73 Abs. 1 Nr. 10 Buchst. b) GG; Art. 18, Art. 21 Abs. 2 GG) von Verfassungs wegen grundsätzlich legitimiert, bei gegebenem Anlass Gruppierungen zu beobachten,



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um feststellen zu können, ob von ihnen eine Gefahr für die freiheitliche demokratische Grundordnung ausgeht.
 

Erst auf der Grundlage derartiger Beobachtungen wird es den zuständigen staatlichen Stellen möglich, sich eine auf tatsächliche Erkenntnisse gestützte Meinung über die Verfassungsfeindlichkeit der in den Blick genommenen Gruppierung zu bilden und zu bewerten, ob die Voraussetzungen für weitergehende staatliche Maßnahmen (vgl. dazu Art. 9 Abs. 2, 21 Abs. 2 GG) vorliegen.
  Darüber hinaus bezweckt die Beobachtung durch den Verfassungsschutz, Informationen über die aktuelle Entwicklung verfassungsfeindlicher Kräfte und Gruppen im Vorfeld einer Gefährdung der freiheitlichen demokratischen Verfassungsordnung zu gewinnen und zu sammeln und damit die Regierung und die Öffentlichkeit in die Lage zu versetzen, Art und Ausmaß möglicher Gefahren zu erkennen und diesen in angemessener Weise entgegenzuwirken.
  Bei der Abwägung der kollidierenden Verfassungsgüter finden die Freiheiten des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG nach dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz ihre Grenze dort, wo Beschränkungen zugunsten des Schutzes der verfassungsmäßigen Ordnung unerlässlich sind. Dies ist in der Regel u.a. der Fall, wenn eine religiöse



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oder weltanschauliche Gemeinschaft Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung verfolgt. Im Interesse einer effektiven Gefahrenabwehr ist der Staat daher bei einem entsprechend konkreten und intensiven Gefahrenverdacht befugt, auch eine unter dem Schutz von Art. 4 Abs. 1 und 2 GG stehende Gemeinschaft unter Beobachtung zu stellen, um abklären zu können, ob von dieser eine Gefahr für die zu schützende verfassungsmäßige Ordnung ausgeht.
 

Die Wahrnehmung einer grundrechtlichen Schutzpflicht entbindet den Staat allerdings nicht von der Notwendigkeit einer gesetzlichen Eingriffsermächtigung, die mit dem verfassungsrechtlichen Rechtsstaatsgebot (Art. 20 Abs. 3 GG) in Einklang steht.
  Eine solche, dem Gebot der Normenklarheit sowie den Anforderungen des Gesetzesvorbehalts genügende Rechtsgrundlage ist hier gegeben.
 

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Das Bundesverfassungsschutzgesetz gewährleistet den verfassungsrechtlich gebotenen schonenden Ausgleich zwischen den betroffenen Verfassungsgütern. Es benennt in den §§ 3, 4, 8 und 9 BVerfSchG neben den allgemeinen Voraussetzungen für eine Beobachtung durch das Bundesamt für Verfassungsschutz eine Reihe von besonderen Anforderungen, die für den Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel erfüllt sein müssen. Darüber hinaus sind der Informationsbeschaffung allgemeine Grenzen gesetzt, die den verfassungsrechtlichen Grundsatz der Verhältnismäßigkeit ausformen und nicht hinter ihm zurück bleiben. Die Bestimmungen gebieten in ihrer Gesamtheit, die schutzwürdigen Belange des Betroffenen in die Abwägung einzustellen und angemessen zu würdigen. Die in Art. 4 Abs. 1 und 2 GG verbürgten Grundfreiheiten sind in diesem rechtlichen Zusammenhang zu berücksichtigen.
 

Eine abweichende rechtliche Bewertung ergibt sich auch nicht im Lichte von Art. 9 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (Europäische Menschenrechtskonvention - EMRK). Nach Art. 9 Abs. 2 EMRK darf die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung zu bekennen, nur Einschränkungen unterworfen werden, die gesetzlich vorgesehen und in einer demokratischen Gesellschaft notwendig sind für die öffentliche Sicherheit, zum Schutz der öffentlichen Ordnung, Gesundheit oder Moral oder zum Schutz der Rechte und Freiheiten anderer. Diese Voraussetzungen sind hier erfüllt. Nach Maßgabe der vorstehenden Ausführungen gehört die verfassungsschutzbehördliche Beobachtung zu den in einer demokratischen Gesellschaft zum Zwecke der Abwehr von Gefahren für die verfassungsmäßige Ordnung notwendigen Maßnahmen.
 

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2.    Unter Berücksichtigung der vorstehenden Grundsätze sind die Voraussetzungen für eine Beobachtung der Kläger gemäß §§ 8 Abs. 1, 3 Abs. 1 Nr. 1, 1. Alt. BVerfSchG gegeben.
 
 

a)    Bei den Klägern handelt es sich um Personenzusammenschlüsse im Sinne des § 4 Abs. 1 BVerfSchG. Es liegen tatsächliche Anhaltspunkte dafür vor, dass diese Bestrebungen verfolgen, die darauf gerichtet sind, die im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechte und das Recht des Volkes, die Volksvertretung in allgemeiner und gleicher Wahl zu wählen, zu beseitigen oder außer Geltung zu setzen.

Bei der tatbestandlichen Voraussetzung "Vorliegen tatsächlicher Anhaltspunkte" in § 4 Abs. 1 Satz 3 BVerfSchG handelt es sich um einen unbestimmten Rechtsbegriff, der in vollem Umfang der gerichtlichen Kontrolle unterliegt. Bloße Mutmaßungen oder Hypothesen, dass Bestrebungen der in § 3 Abs. 1 Nr. 1, 1. Alt. BVerfSchG genannten Art gegeben sein könnten, genügen nicht. Andererseits bedarf es nicht bereits der Gewissheit, dass die freiheitliche demokratische Grundordnung bekämpft und abgeschafft werden soll. Es müssen vielmehr konkrete Umstände vorliegen, die bei vernünftiger Betrachtung auf solche Bestrebungen hindeuten und deshalb eine weitere Aufklärung erforderlich erscheinen lassen. Ausreichend ist dabei, dass die Gesamtschau aller vorhandenen tatsächlichen Anhaltspunkte auf entsprechende Bestrebungen hindeutet, mag auch jeder für sich genommen nicht genügen.
 



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Derartige Anhaltspunkte können sich aus dem "offiziellen" Programm und/oder der Satzung des in den Blick genommenen Personenzusammenschlusses ergeben, aus den Äußerungen und Taten von führenden Persönlichkeiten und sonstigen Vertretern, Mitarbeitern und Mitgliedern der Gruppierung sowie aus deren Schulungs- und Werbematerial.
 
 

Die Kläger sind Teil der weltweiten, auf die Schriften von L. Ron Hubbard zurückgehenden Scientology-Organisation. Sie verstehen sich als Gliedteile der "international verbreiteten und hierarchisch aufgebauten Kirchengemeinschaften der Scientology Religion, die international von der Mutterkirche geleitet und vertreten wird". Als "Mutterkirche" und "Hierarchie der Kirche" definieren die Kläger die hierarchische Gliederung, "die unter der Schirmherrschaft der Mutterkirche für Kirchen, der Church of Scientology International (USA), und der Schirmherrschaft der Mutterkirche für Missionen, Scientology Missions International (USA), in den USA ... derzeit aufgebaut und tätig ist" (vgl. § 9 der Satzung des Klägers zu 1 und § 8 der Satzung des Klägers zu 2).

Wie sich den Satzungen der Kläger entnehmen lässt, ist innerhalb der "international verbreiteten und hierarchisch gegliederten Kirche" hinsichtlich der Inhalte der "Scientology-Religion" und Lehre eine programmatische Differenzierung nicht beabsichtigt und zugelassen (vgl. § 9 Nr. 1 a) bis c) bzw. § 8 Nr. 1 a) bis c) der Satzungen). Dies findet eine Bestätigung in verschiedenen anderen Verlautbarungen von Scientology. So verpflichtet beispielsweise der "Kodex eines Scientologen" die Mitglieder auf eine unveränderte Anwendung der Scientology (vgl.



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Text 5 im Tatbestand). In einer anderen Schriftquelle heißt es, dass alle Scientologen darin übereinstimmen, sich an die HCO-Kodizes zu halten (vgl. Text 18). Des Weiteren lässt sich dem scientologischen Schrifttum entnehmen, dass die von Hubbard verfassten so genannten HCO-Richtlinienbriefe und -Bulletins ungeachtet ihres Alters weiterhin Gültigkeit beanspruchen, es sei denn, sie sind ausdrücklich aufgehoben worden (vgl. Text 6). Scientology verweist nachdrücklich darauf, dass die geschriebenen Werke Hubbards über Dianetik und Scientology sowie die Tonbandaufzeichnungen seiner Vorträge und deren Abschriften "die verbindliche Lehre der Scientology-Religion" sind und "die einzige Quelle der Lehre der Scientology-Religion" darstellen. Ziel ist es - so Scientology -, die Schriften so zu erhalten und anzuwenden, wie sie von Hubbard festgehalten wurden. Von jeder Scientology Organisation und jedem einzelnen Mitglied wird erwartet, dass sie für die "standardgemäße Anwendung der Scientology Schriften" sorgen. Jeder Versuch, die Lehren der Scientology zu ändern, wird als ein "schwerwiegender Bruch der kirchlichen Ethik" aufgefasst (vgl. Texte 2 und 9). Dementsprechend kommen als Quelle für das Vorliegen tatsächlicher Anhaltspunkte insbesondere die Schriften des Scientology-Gründers Hubbard (vgl. § 9 Nr. 1 a), § 8 Nr. 1 a) der Satzungen) und Verlautbarungen der "Kirchenhierarchie in den kirchlichen Fragen und Angelegenheiten" (vgl. § 9 Nr. 1 b) und c), § 8 Nr. 1 b) und c) der Satzungen) in Frage, daneben Äußerungen und Aktivitäten von Mitgliedern der Kläger sowie von führenden Persönlichkeiten und sonstigen offiziellen Vertretern der Scientology-Organisation international.
 

Dabei kommt es nicht auf die abstrakte Interpretierbarkeit und Bewertung der Äußerungen an, sondern auf ihre konkrete Verwendung und ihren Stellenwert in der Gesamtausrichtung der Gruppierung.
   
 

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Handelt es sich bei dem in Blick genommenen Personenzusammenschluss um eine religiöse oder weltanschauliche Gemeinschaft, setzt das durch Art. 4 Abs. 1 und 2 GG, Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 3 WRV gewährleistete Selbstbestimmungsrecht der Gemeinschaft Grenzen bei der Heranziehung von Äußerungen als Anknüpfungspunkt für das Vorliegen tatsächlicher Anhaltspunkte. Der Grundsatz religiös-weltanschaulicher Neutralität verwehrt es dem Staat, Glaube und Lehre einer Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft als solche zu bewerten. Ausfluss der in Art. 4 Abs. 1 und 2 GG, Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 3 WRV garantierten Freiheiten ist des Weiteren, dass es der Gemeinschaft freisteht, ihre innere Organisation nach ihrem eigenen religiösen bzw. weltanschaulichen Selbstverständnis zu gestalten, solange sie den verfassungsrechtlichen Ordnungsrahmen nicht beeinträchtigt. Dem Staat ist es allerdings unbenommen, das tatsächliche Verhalten einer Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft oder ihrer Mitglieder nach weltlichen Kriterien zu beurteilen, auch wenn dieses Verhalten letztlich religiös bzw. weltanschaulich motiviert ist. Ob dabei Glaube und Lehre der Gemeinschaft, soweit sie sich nach außen manifestieren, Rückschlüsse auf verfassungsfeindliche Bestrebungen zulassen, ist eine Frage des Einzelfalls.
 

Ferner ist bei der Würdigung der Verlautbarungen dem in Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG verbürgten Recht auf freie Meinungsäußerung Rechnung zu tragen. Das Grundrecht ist seinerseits konstituierend für die Demokratie, die auch eine kritische Auseinandersetzung mit Verfassungsgrundsätzen und -werten zulässt. Die bloße Kritik an Verfassungswerten und Verfassungsgrundsätzen ist daher ebenso wenig als Gefahr für die freiheitliche demokratische Grundordnung einzuschätzen wie die Äußerung der Forderung, tragende Bestandteile dieser Grundordnung zu



OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 52

ändern. Es ist andererseits verfassungsrechtlich unbedenklich, wenn die Verfassungsschutzbehörde das Vorliegen tatsächlicher Anhaltspunkte im Sinne von § 4 Abs. 1 Satz 3 BVerfSchG insoweit an die Inhalte von Meinungsäußerungen knüpft, als diese Ausdruck eines Bestrebens sind, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beseitigen oder außer Geltung zu setzen.
 

Zu den in § 4 Abs. 2 Buchst. g) BVerfSchG genannten Menschenrechten zählen insbesondere die Menschenwürde (Art. 1 Abs. 1 GG) sowie das Recht auf Gleichbehandlung (Art. 3 GG).

Das Gebot der Achtung der Menschenwürde gemäß Art. 1 Abs. 1 GG ist Mittelpunkt des Wertesystems der Verfassung. Ausgehend von der Vorstellung des Grundgesetzgebers, dass es zum Wesen des Menschen gehört, in Freiheit sich selbst zu bestimmen und sich frei zu entfalten, und dass der Einzelne verlangen kann, in der Gemeinschaft grundsätzlich als gleichberechtigtes Glied mit Eigenwert anerkannt zu werden, schließt es die Verpflichtung zur Achtung und zum Schutz der Menschenwürde aus, den Menschen zum bloßen Objekt zu machen. Die Menschenwürde wird verletzt, wenn der Mensch einer Behandlung ausgesetzt wird, die Ausdruck der Verachtung des Wertes ist, der dem Menschen kraft seines Personseins zukommt.
 

Der allgemeine Gleichheitssatz (Art. 3 Abs. 1 GG) gebietet, alle Menschen vor dem Gesetz gleich zu behandeln; er verpflichtet dazu, wesentlich Gleiches gleich und wesentlich Ungleiches entsprechend seiner Verschiedenheit und Eigenart ungleich zu behandeln. Er ist verletzt, wenn die gleiche oder ungleiche Behandlung der geregelten Sachverhalte mit Gesetzlichkeiten, die in der Natur der Sache selbst liegen, und mit einer am Gerechtigkeitsgedanken orientierten Betrachtungsweise nicht mehr vereinbar ist, wenn also bezogen auf den jeweils



OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 53

in Rede stehenden Sachbereich und seine Eigenart ein vernünftiger, einleuchtender Grund für die Regelung fehlt.
 

Gemäß Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG darf u.a. niemand wegen seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.
 

Nach diesen Maßgaben liegen unter Auswertung der von den Klägern und der Beklagten beigebrachten Unterlagen tatsächliche Anhaltspunkte von hinreichendem Gewicht und in ausreichender Zahl dafür vor, dass in einer Gesellschaft nach scientologischen Vorstellungen die Wahrung der Menschenwürde und des Gleichbehandlungsgebots nicht gewährleistet sind.
 
 
Wiederholt finden sich in Texten Hubbards Aussagen, die nahe legen, dass Menschen- und Bürgerrechte in einer scientologischen Gesellschaft nicht allen Menschen gleichermaßen zustehen sollen. So bezeichnet Hubbard es als "erstrebenswerte Ziele", wenn "nur dem Nichtaberrierten die Bürgerrechte verliehen" werden und "nur der Nichtaberrierte die Staatsbürgerschaft erlangen und davon profitieren kann" (vgl. Text 35). "Nicht aberrierte" Menschen sind nach seinem Verständnis Clears, also Scientologen (vgl. Texte 35, 58). Auch bringt er seine Hoffnung zum Ausdruck, dass es eines Tages "ein viel vernünftigeres Gesetz geben" wird, "das nur Nichtaberrierten erlaubt, zu heiraten und Kinder in die Welt zu setzen" (vgl. Text 34). Um dem Ziel einer Gesellschaft nach scientologischen Vorstellungen näher zu kommen, sieht Hubbard es als gerechtfertigt an, von ihm als "Kriminelle" bezeichneten Personen jegliche bürgerlichen Rechte abzusprechen (vgl. Text 40). Er definiert den Kriminellen als jemanden, "der durch böse Absichten motiviert ist und der so viele schädliche Overt-Handlungen (= eine Handlung der Person oder des Individuums, die zur Verletzung, Herabsetzung oder Erniedrigung eines anderen, anderer oder deren Beingness, Körper, Besitztümer, Beziehungen oder Dynamiken führt. Sie kann beabsichtigt und unbeabsichtigt sein) begangen hat, dass er solche Aktivitäten als normal betrachtet"
 
 



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(vgl. Text 27; zur Definition des Begriffs "Overt- Handlung" siehe Hubbard, "Einführung in die Ethik der Scientology", 2007, S. 438, Anlage BB 152, Beiakte Heft 43). Nach Hubbard machen "Kriminelle", also Personen, denen nach den Ausführungen in Text 40 die Bürgerrechte abzusprechen wären, "etwa 20 Prozent der Menschheit aus" (vgl. Text 32). Im weiteren Kontext der Texte 27 und 32 drängt sich auf, dass Hubbard zu Kriminellen in diesem Sinne unter anderem die Personengruppe der Kritiker von Scientology sowie die Berufsgruppe der Psychiater und Psychologen zählt. So verweist er darauf, es gebe keine Kritiker der Scientology, die keine kriminelle Vergangenheit hätten. In Bezug auf Psychiater und Psychologen führt er aus, sie beschuldigten andere der Dinge, die sie selbst täten; eine solche Verhaltensweise sei kennzeichnend für "Kriminelle" (vgl. Texte 27 und 32).

In dieselbe Richtung geht ein Text Hubbards über "Die antisoziale Persönlichkeit, der Anti-Scientologe". Darin führt er aus, es gebe "gewisse Merkmale und geistige Einstellungen, die etwa 20 Prozent einer Rasse dazu bewegen, sich jeder Unternehmung oder Gruppe, die etwas verbessern will, vehement zu widersetzen"; solche Leute seien dafür bekannt, "antisoziale Tendenzen" zu haben. Hubbard bezeichnet es als wichtig, diese "antisozialen Persönlichkeiten" als "kranke Wesen" zu erkennen und "zu isolieren". Der "antisozialen Persönlichkeit" stellt er die "soziale Persönlichkeit" gegenüber. Dies sind für ihn "wertvolle Menschen" und "die Leute, die Rechte und Freiheiten haben müssen". Demgegenüber führt er in Bezug auf die "antisozialen Personen" aus, dass ihnen nur Aufmerksamkeit geschenkt werde, "um die sozialen Persönlichkeiten in der Gesellschaft zu schützen und zu unterstützen" (vgl. Text 15). Diese Differenzierung zwischen 80 Prozent der Bevölkerung, die "versuchen vorwärts zu kommen" und 20 Prozent der Bevölkerung, die sie "daran zu hindern versuchen" (vgl. Text 15), findet sich auch in Text 16. Darin verweist Hubbard darauf, dass "ungefähr 20 Prozent der Bevölkerung Ethikfälle" seien, denen nicht erlaubt werden dürfe, die 80 Prozent daran zu hindern, "die Brücke zu überqueren".

Anhaltspunkte dafür, dass in einer Gesellschaft nach scientologischen Vorstellungen die Wahrung der Menschenwürde und des Gleichbehandlungsgebots



OVG NRW, Münster, 5 A 130/05 Urteil vom 12.02.2008  Seite 55

nicht gewährleistet sind, ergeben sich darüber hinaus aus den Darlegungen Hubbards zu "ehrlichen" und "unehrlichen" Menschen. Nach Hubbard setzt der "Weg zur geistigen Gesundheit", das heißt der "Weg die Brücke hinauf zu OT und wirklicher Freiheit", die Fähigkeit voraus, "ehrlich zu sein". In seiner Schrift "Einführung in die Ethik" beschreibt Hubbard, wie der Mensch mittels der Technologie der Scientology die Fähigkeit erlangen kann, "die Wahrheit von etwas anzusehen", und damit "ehrlich" zu sein. Er führt aus, dass die "Rechte des Einzelnen" nicht geschaffen wurden, "um Verbrecher zu schützen, sondern um ehrlichen Menschen Freiheit zu bringen". "Freiheit" - so Hubbard - sei "für ehrliche Menschen da" und "müsse verdient sein, bevor irgendwelche Freiheit möglich ist". Weiter heißt es, "individuelle Bürgerrechte (= die Gesamtheit der Rechte, die von Leuten in einer Gemeinde oder in einem Staat gemeinsam besessen werden)" "existieren nur für die, die die Fähigkeit besitzen, frei zu sein" (vgl. Texte 13 und 14). Dies und der weitere Kontext der Zitate legen den Schluss nahe, dass in einer scientologischen Gesellschaft den im scientologischen Sinne "unehrlichen Menschen" keine Bürgerrechte zukommen sollen, um (vgl. Text 13) das "Recht" der "ehrlichen Menschen" zu gewährleisten, "mit ehrlichen Menschen zu leben".

Weitere Anhaltspunkte ergeben sich aus Ausführungen Hubbards über die "wahrhaft aberrierende Persönlichkeit". Diese könne man - so Hubbard - "an ihrer Weigerung, sich überhaupt auditieren zu lassen, erkennen" "beziehungsweise, wenn sie sich auditieren lässt, akzeptiert sie das Auditing nur zum Schein, lässt aber nicht zu, dass es irgendeine Wirkung auf sie hat." Laut Hubbard machen die "wahrhaft aberrierenden Persönlichkeiten" wahrscheinlich "in unserer Gesellschaft nicht mehr als fünf bis zehn Prozent aus". Er verunglimpft diese Menschen als Personen, die "auf irgendeine Weise stehlen" müssen, "ziemlich anfällig für Hässlichkeit" und "völlige Schmarotzer" sind und die "vor allen anderen Dingen" wissen, "dass sie nicht für einen Tag ehrliche Arbeit leisten" können. Weiter heißt es: "Sehr oft wäscht sich dieser Personentyp nicht, sein Atem ist oft übelriechend, die Füße fangen an zu stinken, das endokrine System ist auf irgendeine Weise gestört, die Person hat erhebliche Verdauungsstörungen". Hubbard bezeichnet die von ihm so skizzierte "wahrhaft aberrierte Persönlichkeit als "völlig wertlos" (vgl. zu allem Text 52). Ebenso erschließt sich aus den



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Texten 39 und 40, dass nach den Vorstellungen Hubbards Menschen, die auf der "Tonskala" im Bereich unterhalb der Linie 2,0 liegen - wo sich nach Hubbard im Allgemeinen "Kriminelle" befinden -, ohne Wert für die Gesellschaft sind bzw. "einen negativen Wert für die Gesellschaft" haben. "Die einzigen Lösungen dafür scheinen darin zu bestehen" - so Hubbard - "solche Menschen abseits von der Gesellschaft in Quarantäne zu halten, um die Ansteckung ihrer Geisteskrankheiten und die allgemeine Turbulenz zu verhindern, die sie in jede Ordnung bringen, wodurch sie diese auf der Tonskala hinunterzerren, oder aber solche Menschen zu auditieren, bis sie eine Stufe auf der Tonskala erreicht haben, die ihnen Wert verleiht". Der Gedanke der Quarantäne findet sich ebenso in Text 52, wonach sich eine Gesellschaft wahrscheinlich klären ließe und "nicht mehr am Aufblühen gehindert" wäre, wenn man die "wahrhaft aberrierenden Persönlichkeiten" "einfach einsammeln und diese Ansteckungsgefahr von der übrigen Bevölkerung entfernen würde". Danach kommt in diesen Textstellen ein Menschenbild zum Ausdruck, das mit der Menschenwürdegarantie in Art. 1 Abs. 1 GG nicht vereinbar ist, weil es eine Missachtung des dem Menschen nach Art. 1 Abs. 1 GG kraft seines Personseins zukommenden Wertes erkennen lässt. "Der tatsächliche Wert des Einzelnen" wird an seinem "tatsächlichem Wert für die Gesellschaft" gemessen. Als Mensch mit Wert wird der Einzelne erst anerkannt, wenn er eine bestimmte Wertigkeitsstufe im Sinne der Hubbardschen "Tonskala" erreicht hat, wobei Hubbard davon ausgeht, "dass nicht alle mit dem gleichen potenziellen Wert für ihre Mitmenschen geschaffen sind" (vgl. Text 39).

Eine ähnliche Abwertung kennzeichnet Verlautbarungen Hubbards über Personen, die von ihm als Kritiker und Gegner verstanden werden. So heißt es in Text 32 über Kritiker der Scientology: "Jedes Mal, wenn wir den Hintergrund eines Kritikers ... untersuchten, fanden wir Verbrechen, für die diese Person oder Gruppe unter dem bestehenden Gesetz ins Gefängnis geworfen werden könnte. Wir finden keine Kritiker der Scientology, die keine kriminelle Vergangenheit haben. ... Diejenigen, die sich uns entgegenstellen, haben Verbrechen zu verbergen". Eine vergleichbare Formulierung enthält Text 51 im Abschnitt "Angriffe auf Scientology", wonach es "bisher keinen Angreifer" gab, "der nicht vor lauter Verbrechen stank". An anderer Stelle weist Hubbard darauf hin, dass der "Unterdrücker"



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durch Zwang entfernt bzw. außer Gefecht gesetzt werden kann, "weil er ein Anti-Nachfragefaktor ist, der falsche Aussagen und Lügen benutzt, um zu verhindern, dass ein Bedarf (zu ergänzen: nach Scientology) entsteht" (vgl. Text 26). Die Berufsgruppe der Psychiater und Psychologen bezeichnet Hubbard als "psychotische Verbrecher", die sich damit befassen, "Leute umzubringen. Ihre ganze Lebensaufgabe besteht in Zerstörung" (vgl. Text 33).

Anknüpfungspunkte für die Einschätzung, dass in einer scientologischen Gesellschaft die Gewährleistungen des Art. 3 GG nicht verwirklicht sind, ergeben sich des Weiteren aus Äußerungen über den Umgang mit "unterdrückerischen Personen oder Gruppen" (vgl. Text 53). Diese lassen darauf schließen, dass Menschen, die den Zielen und der Lehre von Scientology nicht folgen, diskriminiert würden. In diesem Zusammenhang kann dahinstehen - und konnte deshalb der Beweisantrag der Kläger zu II. 12 a und 14 wegen Unerheblichkeit der unter Beweis gestellten Tatsachen abgelehnt werden -, welchen Inhalt der HCO-Richtlinienbrief vom 18. Oktober 1967 ("Fair Game") hat und ob die Richtlinie später aufgehoben worden ist (vgl. dazu die Texte 21 bis 24). Ungeachtet dessen liegen tatsächliche Anhaltspunkte vor, die die Annahme rechtfertigen, dass in einer Gesellschaftsordnung, wie sie Scientology anstrebt, Kritiker, Gegner und sonstige als "unterdrückerisch" angesehene Personen "konfrontiert" und "zerschlagen" werden (vgl. zu diesem Sprachgebrauch die Überschrift des Schulungskurses "PTS/SP- Kurs", Text 53; vgl. auch Text 17). "Unterdrückerische Handlungen" werden bei Scientology als Handlungen oder Unterlassungen definiert, die unternommen werden, um Scientology oder Scientologen wissentlich zu unterdrücken, zu verringern oder zu behindern. Davon erfasst werden jegliche Handlungen bzw. Unterlassungen, die aus Sicht von Scientology geeignet sind, die Organisation oder eines ihrer Mitglieder zu beschädigen. Dies schließt auch solche Handlungen ein, die darauf abzielen, "den Einfluss oder die Aktivitäten der Scientology zu verringern bzw. zu zerstören oder Fallgewinne bzw. fortgesetzten Erfolg und fortgesetzte Aktivität in der Scientology von einem Scientologen zu verhindern". Personen oder Gruppen, die "unterdrückerische Handlungen" begehen, werden "die Rechte, die normalerweise vernünftigen Wesen zuerkannt werden, nicht gewährt" (vgl. Text 53 und im Einzelnen Anlage B 9, S. 126 ff.).



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Diese Einstellung begründet den Verdacht, dass Personen, die den scientologischen Vorstellungen nicht folgen bzw. sie nicht den Lehrinhalten gemäß umsetzen, rechtlos gestellt und diskriminiert werden. Dieser Verdacht wird durch den Einwand der Kläger, die Äußerungen berührten allein die Rechtsstellung als Scientologe und wirkten lediglich im internen Bereich der Organisation, nicht ausgeräumt. Maßgeblich ist, ob es tatsächliche Anhaltspunkte dafür gibt, dass Scientology ihr Wertesystem auf die staatliche Ordnung übertragen will.
 

Dies ist hier der Fall. Nach eigenen Verlautbarungen strebt Scientology eine neue Zivilisation auf Erden, ein Universum mit von ihren Aberrationen befreiten Individuen an (vgl. Texte 1, 19, 26, 42, 43, 44, 45, 46, 49). Hätte sie mit ihrer Zielsetzung Erfolg und wäre der Planet im Sinne von Scientology "geklärt", wirkten ihre Inhalte und Lehren nicht lediglich organisationsintern, sondern aufgrund der dann verwirklichten Gesellschaftsordnung zugleich nach außen (vgl. dazu etwa Texte 30, 42 und 43).
  Ausgehend davon brauchte der Senat dem Beweisantrag der Kläger zu II. 20 nicht nachzugehen. Die darin unter Beweis gestellte Tatsache ist nicht entscheidungserheblich. Die vorstehenden Ausführungen knüpfen nicht daran an, ob Nichtmitglieder von Scientology "zu unterdrückerischen Personen erklärt wurden und werden", sondern an den Umgang mit Personen oder Gruppen, die "unterdrückerische Handlungen" begehen.
 

Aus den Darlegungen zu § 4 Abs. 2 Buchst. g) BVerfSchG ergeben sich hier zugleich tatsächliche Anhaltspunkte dafür, dass die Kläger Bestrebungen verfolgen, die darauf gerichtet sind, das Recht des Volkes, die Volksvertretung in allgemeiner und gleicher Wahl zu wählen, zu beseitigen oder außer Geltung zu setzen (§ 4 Abs. 2 Buchst. a) BVerfSchG). Die dargestellte Differenzierung in den Schriften



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Hubbards zwischen Menschen, denen ein Wert für die Gesellschaft zukommt, und solchen, die keinen Wert bzw. einen negativen Wert für die Gesellschaft haben, sowie die damit einhergehende Aberkennung von individuellen Bürgerrechten bei Teilen der Bevölkerung lässt besorgen, dass in einer nach den Vorgaben Hubbards verwirklichten Gesellschaftsordnung das aktive und passive Wahlrecht nicht allen Menschen gleichermaßen zustehen soll. Dieser Verdacht verstärkt sich mit Blick auf weitere Verlautbarungen, in denen Hubbard zum Ausdruck bringt, dass eine "funktionierende" und "wirkliche" "Demokratie ... nur in einer Nation von Clears möglich ist" (vgl. Texte 10, 11, 55). Dafür sprechen des Weiteren Überlegungen Hubbards, wonach es unter Scientology dazu kommen könnte, dass parlamentarische Abgeordnete eine gewisse Stufe auf dem "Weg der Brücke" erreicht haben müssen (vgl. Text 57).

Ob daneben, wofür einiges spricht, weitere der in § 4 Abs. 2 BVerfSchG benannten Verfassungsgrundsätze betroffen sind,
 

bedarf hier keiner Vertiefung.

Die Aussagekraft der genannten Texte wird nicht dadurch in Frage gestellt, dass das Schrifttum von Hubbard und Scientology daneben eine Vielzahl von Äußerungen enthält, denen sich keine Anhaltspunkte für eine verfassungsfeindliche Ausrichtung entnehmen lassen. Die Zulässigkeit der Beobachtung durch den Verfassungsschutz knüpft allein an das Vorliegen tatsächlicher Anhaltspunkte und damit an einen begründeten Verdacht für entsprechende Bestrebungen an, der - wie hier der Fall - auch schon dann gegeben sein kann, wenn aussagekräftiges Tatsachenmaterial lediglich einen Teilbereich der Zielsetzungen, Verlautbarungen und Aktivitäten der zu beobachtenden Gruppierung widerspiegelt.
 



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Danach bestand keine Veranlassung, dem Beweisantrag der Kläger zu II. 28 nachzugehen. Es ist nicht entscheidungserheblich, ob die von der Beklagten und dem Erstgericht herangezogenen Texte nur einen kleinen Bruchteil aller Quellen von Scientology ausmachen. Auf eine rein quantitative Betrachtung kommt es nicht an. Maßgeblich ist vielmehr, ob sich in der Gesamtschau nach Inhalt, Gewicht und Zahl hinreichend aussagekräftige Verlautbarungen ergeben, an die sich die Bewertung des Verdachts verfassungsfeindlicher Bestrebungen knüpfen lässt.

Entscheidend ist, dass das hier in Bezug genommene Quellenmaterial für den Gesamteindruck von Scientology mitbestimmend ist. Die Bücher Hubbards, aus denen eine Vielzahl der zitierten Textstellen entnommen sind, werden von Scientology weiterhin vertrieben und beworben sowie in Neuauflagen herausgegeben. Dabei enthalten die Schriften keinerlei Hinweis darauf, dass ihre Inhalte für Scientology keine Gültigkeit (mehr) hätten oder sich Scientology von bestimmten Inhalten distanzierte. Dies gilt insbesondere auch für die Bücher "Dianetik: Der Leitfaden für den menschlichen Verstand" (im Folgenden: "Dianetik"), "Einführung in die Ethik der Scientology" (im Folgenden: "Ethik") und "Die Wissenschaft des Überlebens" (im Folgenden: Überleben"). So heißt es etwa im Klappentext zum Buch "Ethik", dass dieses "bahnbrechende Entdeckungen" beinhalte, darunter die "Grundlagen von Ethik und Recht", die "soziale und antisoziale Persönlichkeit" sowie das "Scientology Ethik- und Rechtssystem". Der Klappentext endet mit der Aufforderung: "Wenden Sie dieses Buch in Ihrem Leben an und die Tore zur Freiheit selbst werden sich weit öffnen" (vgl. die von den Klägern vorgelegte Anlage BB 152, Beiakte Heft 43). Als "bahnbrechende Erkenntnisse" werden auch die Inhalte im Buch "Wissenschaft" bezeichnet und des Weiteren ausgeführt, "Die Wissenschaft des Überlebens ist das unentbehrliche Handbuch für jeden Auditor" und "das nützlichste Buch, das Sie je besitzen werden" (vgl. den dortigen Klappentext in der Anlage BB 152, Beiakte Heft 30). Über das Buch "Dianetik" verlautbart Scientology, dass es "ebenfalls ein Teil der Lehre der Scientology" ist und "das vermutlich bekannteste Werk". "Auch wenn dieses Buch" - so die Church of Scientology International - "entstand, bevor das Wissen über den menschlichen Geist zur Gründung der Scientology-Religion führte, klassifiziert es einen wichtigen Teil von L. Ron Hubbards Suche nach der Wahrheit der menschlichen



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Existenz und bildet nach wie vor das Grundgestein aus vielen der grundsätzlichen Prinzipien, auf denen Dianetik und Scientology aufbauen" (vgl. Text 2). Dem entspricht es, dass die Bereiche "Dianetik" und "Scientology" auch in sonstigen Verlautbarungen der Scientology-Organisation gleichrangig nebeneinander genannt werden (vgl. z.B. Texte 8, 9, 49; ferner z.B. die von der Beklagten vorgelegten Anlagen B 145, B 148 - S. 18). Ohne Erfolg bleibt danach auch der Einwand der Kläger, den zitierten Passagen aus dem Buch "Dianetik" sei mit Blick auf die Entstehungsgeschichte von Dianetik und Scientology die von der Beklagten angenommene Aussagekraft nicht beizumessen.

Ebenso wenig ist ersichtlich, dass sich Scientology im Rahmen der Werbung für die Schriften und Werke Hubbards von bestimmten Inhalten distanziert hätte. Dem hier im Verfahren vorgelegten Werbematerial lässt sich dafür nichts entnehmen (vgl. z.B. die von der Beklagten vorgelegten Anlagen B 83 bis B 86, B 145).

Das in der allgemeinen Öffentlichkeit vermittelte Bild, wonach die Original-Schriften Hubbards unverändert das Fundament der scientologischen Lehre sind, wird vielmehr dadurch bestärkt, dass das Material über den Umgang mit Kritikern, "antisozialen Persönlichkeiten" und "unterdrückerischen Personen" - wie die Beklagte ausführlich belegt hat - auch aktuell als wichtige Schulungsunterlage dient (vgl. Schriftsätze der Beklagten vom 12. Februar 2004, S. 89, 7. Oktober 2005, S. 19/20, und 27. Juli 2007, S. 12, mit den darin in Bezug genommenen Anlagen B 44 und B 45, B 94 bis B 100, B 150 bis B 156). Danach wird der "PTS/SP-Kurs - Wie man Unterdrückung konfrontiert und zerschlägt" von Scientology nachhaltig beworben und beispielsweise darauf verwiesen, dass "die Tech, durch die Sie gegen Unterdrückung unanfällig werden", "für Ihre Zukunft als Wesen die wichtigste Technologie" ist (vgl. Anlage B 96, S. 2). Die nach wie vor gegebene Aktualität des hier zitierten Textes über "Die antisoziale Persönlichkeit" (vgl. Text 15) belegt darüber hinaus dessen Wiedergabe auf der Website von Scientology (vgl. die von der Beklagten vorgelegte Anlage B 154, datierend vom 26. September 2006).



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Ein weiterer Anhalt dafür, dass den Original-Schriften Hubbards in der Scientology zentrale Bedeutung zukommt, findet sich im HCO-Richtlinienbrief vom 23. November 1965RB, der Aufnahme in Schulungsunterlagen gefunden hat (vgl. "PTS/SP-Kurs", von der Beklagten vorgelegt als Anlage B 9, S. 116 ff.) Danach kann eine Person "vor ein Ethik-Gericht oder ein Ethik-Gericht für Führungskräfte geladen werden, wenn herausgefunden wird, dass sie beim Empfangen, Lesen oder Hören eines Befehls, HCOBs, eines Richtlinienbriefes oder eines Tonbandvortrages, absolut aller geschriebenen oder gedruckten Materialien von LRH, einschließlich Büchern, PABs, Mitteilungszetteln, Telexen und Mimeo-Ausgaben über ein Wort hinweggegangen ist, das sie nicht versteht..." (zugleich Hubbard, Einführung in die Ethik der Scientology, 2007, S. 329, vorgelegt von den Klägern als Anlage BB 152, Beiakte Heft 43). Diese Vorgabe Hubbards legt nahe, dass es innerhalb der geschriebenen Werke Hubbards keine unbeachtliche Äußerung gibt.

Vor diesem Hintergrund können die Kläger mit ihrem in der mündlichen Verhandlung erhobenen Einwand, bei einigen der hier zitierten Verlautbarungen Hubbards handele es sich lediglich um "Altlasten" und "unverbindliche Meinungen", nicht durchdringen. Es entspricht dem Schutzzweck der §§ 3 Abs. 1, 8 Abs. 1 BVerfSchG, gerade auch auf das sich in der Öffentlichkeit manifestierende Bild von den Überzeugungen, Lehrinhalten, Zielsetzungen etc. einer Gruppierung abzustellen. Danach liegen hier aufgrund der vorstehend dargelegten Umstände hinreichend gewichtige tatsächliche Anhaltspunkte für eine verfassungsfeindliche Ausrichtung der Kläger im Sinne von § 4 Abs. 1 Satz 1 Buchst. c), Satz 3, Abs. 2 Buchst. a) und g) BVerfSchG vor. Diese Bewertung steht nicht in Widerspruch zu der genannten Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts, wonach die Bedeutung, die Verlautbarungen bei der Beantwortung der Frage zukommt, ob eine Gruppierung verfassungsfeindliche Bestrebungen verfolgt, von der konkreten Verwendung der Äußerungen und ihrem Stellenwert in der Gesamtausrichtung der Gruppierung abhängt. Zum Tragen kommt hier, dass das von Scientology nach außen kommunizierte und dokumentierte Bild einer unveränderten Gültigkeit der Schriften Hubbards ein sehr nachhaltiges ist. Nach wie vor werden die Schriften, wie ausgeführt, neu aufgelegt und beworben. Die Bücher Hubbards



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und viele weitere der hier zitierten Quellen finden sich auch in einem von Scientology erstellten "Verzeichnis sämtlicher Dianetik- und Scientology Materialien", versehen mit dem Hinweis, dass darin "die Weisheit L. Ron Hubbards zu finden" sei, und mit einer Anleitung, "in welcher Reihenfolge diese Materialien sich am besten studieren lassen" (vgl. die von den Klägern vorgelegte Anlage K 24 "Was ist Scientology?", S. 869 ff.). Damit findet eine Form konkreter Verwendung der Äußerungen Hubbards statt, die zugleich deutlich macht, welchen zentralen Stellenwert sie in der Gesamtausrichtung von Scientology haben. Letzteres findet sich auch bestätigt in den Satzungen der Kläger (vgl. § 2 Nr. 3, § 9 Nr. 1 a) der Satzung des Klägers zu 1.; § 2 Nr. 3, § 8 Nr. 1 a) der Satzung des Klägers zu 2.). Die Erklärung der Kläger, bestimmten Inhalten der Schriften komme für sie bzw. ihre Mitglieder keine Verbindlichkeit zu, tritt zu diesem Befund in offenen Widerspruch. Diese Widersprüchlichkeit gibt dem Bundesamt für Verfassungsschutz hinreichenden Anlass zur weiteren Beobachtung zwecks Aufklärung, ob und gegebenenfalls in welche Richtung sich die Diskrepanz auflösen lässt.

Danach brauchte der Senat den Beweisanträgen der Kläger zu II. 12 b, 13 und 15 mangels Entscheidungserheblichkeit der darin unter Beweis gestellten Tatsachen nicht nachzugehen. Die Kläger stellen unter Beweis, dass verschiedene Äußerungen Hubbards sowie die im Tatbestand als Text 41 zitierte Äußerung für sie nicht verbindlich sind bzw. nicht ihrer gelebten Praxis entsprechen. Dieser Tatsachenvortrag lässt den vorgenannten Befund einer in die Öffentlichkeit kommunizierten und dokumentierten unveränderten Gültigkeit der Schriften Hubbards unberührt und ist daher nicht geeignet, die daraus abgeleiteten Anknüpfungspunkte für Bestrebungen im Sinne von § 4 Abs. 1 Satz 1 Buchst. c), Abs. 2 BVerfSchG in ihrem Aussagegewicht zu relativieren. Das verbleibende widersprüchliche Bild begründet, wie ausgeführt, tatsächliche Anhaltspunkte im Sinne von §§ 4 Abs. 1 Satz 1 Buchst. c), Satz 3 BVerfSchG. Diesen Verdacht verfassungsfeindlicher Bestrebungen weiter aufzuklären, ist ein legitimes Anliegen der Beklagten.

Aus entsprechenden Erwägungen hatte der Senat keine Veranlassung, dem Beweisantrag zu II. 17 nachzugehen. Die darin unter Beweis gestellte Tatsache,



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dass dem "PTS/SP-Kurs" allein "kircheninterne" Bedeutung zukomme, ist nicht entscheidungserheblich. Das Vorliegen tatsächlicher Anhaltspunkte ergibt sich, wie ausgeführt, aus dem in der Öffentlichkeit vermittelten Bild der besonderen Relevanz der Kursinhalte sowie der aus der Zielsetzung "einer neuen Zivilisation" begründeten Annahme, dass Scientology langfristig das Ziel verfolgt, ihre Vorstellungen und Lehren in die gesellschaftliche Ordnung hineinzutragen.

Mit ihrem Hinweis auf das "Glaubensbekenntnis der Scientology-Kirche" (vgl. Text 4), auf den Leitfaden "Der Weg zum Glücklichsein" (vgl. Text 7) oder auf vergleichbare Texte können die Kläger die Bewertung der genannten Textstellen als tatsächliche Anhaltspunkte im Sinne von § 4 Abs. 1 Satz 3 i.V.m. § 3 Abs. 1 Nr. 1, 1. Alt. BVerfSchG ebenso wenig entkräften wie mit ihrem Hinweis darauf, die Mitglieder der Kläger stimmten darin überein, das Grundgesetz zu respektieren und die Lehre von Scientology im Einklang mit der Verfassungsordnung auszuüben (vgl. § 2 Nr. 6, § 9 Nrn. 2 und 3 der Satzung des Klägers zu 1). Dies gilt auch für den Vortrag der Kläger, nach scientologischem Verständnis stelle sich die Befolgung der Gesetzes eines Landes als übergeordnetes Prinzip dar (vgl. dazu Text 25). Diese Gesichtspunkte sind zwar in die vorzunehmende Gesamtschau einzustellen; sie erweisen sich jedoch lediglich als eine Bewertungsquelle unter vielen weiteren. Maßgeblich ist, welches Bild sich im Rahmen einer Gesamtbetrachtung von Schriften und sonstigen Verlautbarungen der Scientology-Organisation erschließt, insbesondere in Bezug auf das Wesen ihrer Ziele und Lehrinhalte.
 

Angesichts dessen brauchte der Senat den Beweisanträgen der Kläger zu II. 16 und 23 a nicht nachzugehen. Die Kläger wollen damit beweisen, dass ihre Mitglieder nach dem "Kirchenrecht" verpflichtet sind, sich an die staatliche Rechtsordnung



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zu halten. Dieser Sachverhalt ist nach Maßgabe vorstehender Ausführungen nicht entscheidungserheblich. Denn ungeachtet der formalen Bekundungen zur Rechtstreue begründen die hier in Bezug genommenen Äußerungen aus dem Schrifttum von Scientology hinreichende Anhaltspunkte, die den Verdacht verfassungsfeindlicher Bestrebungen der Kläger rechtfertigen. Aus demselben Grund bestand für den Senat keine Veranlassung, den Beweisanträgen der Kläger zu II. 19, 21 und 23 b) zu entsprechen. Mit den darin unter Beweis gestellten Tatsachen wollen die Kläger gleichfalls belegen, dass sie "kirchenintern" auf die Einhaltung der staatlichen Rechtsordnung verpflichtet sind.

Der Senat war des Weiteren nicht gehalten, den Beweisanträgen der Kläger zu II. 18, 22, 25, 26 und 27 zu entsprechen. Die Kläger stellen darin der Sache nach unter Beweis, dass sich aus den Schriften Hubbards keine tatsächlichen Anhaltspunkte im Sinne von § 4 Abs. 1 Satz 1 Buchst. c), Satz 3, Abs. 2 BVerfSchG ergeben. Damit beziehen sich die Beweisanträge auf rechtliche Wertungen, die der Beweiserhebung nicht zugänglich sind. Es obliegt dem Gericht im Rahmen seiner rechtlichen Würdigung, die streitgegenständlichen Schriften Hubbards nach ihrem - dem Senat angesichts der Vielzahl der im Verfahren vorgelegten Unterlagen hinreichend vermittelten - Inhalt daraufhin zu beurteilen, ob die tatbestandlichen Voraussetzungen des § 4 Abs. 1 Satz 1 Buchst. c), Satz 3, Abs. 2 BVerfSchG erfüllt sind. Aus entsprechenden Erwägungen brauchte der Senat dem Beweisantrag zu II. 29 nicht nachzugehen. Ob mit Blick auf die "Inhalte und Lehren der Scientology- Religion, die "Art und Weise ihrer Vermittlung an die Mitglieder" sowie die "religiösen Praktiken" Anhaltspunkte für verfassungsfeindliche Bestrebungen der Kläger vorliegen, unterfällt ebenfalls der dem Senat vorbehaltenen rechtlichen Würdigung.
 
 
 
 
 

b)   Es liegen darüber hinaus tatsächliche Anhaltspunkte dafür vor, dass die Kläger in Bezug auf die Beseitigung bzw. Außer-Geltungsetzung der genannten Verfassungsgrundsätze Bestrebungen im Sinne von § 4 Abs. 1 Satz 1 Buchst. c) BVerfSchG, also politisch bestimmte, ziel- und zweckgerichtete Verhaltensweisen verfolgen.
 
 



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Das Tatbestandsmerkmal einer "politisch bestimmten, ziel- und zweckgerichteten Verhaltensweise" erfordert zwar ein aktives, nicht jedoch notwendig kämpferisch- aggressives Vorgehen. Es bedarf Aktivitäten, die über eine bloße Missbilligung oder Kritik an einem Verfassungsgrundsatz hinausgehen. Vorausgesetzt wird, dass in einem bzw. für einen Personenzusammenschluss Bemühungen unternommen werden, einen der in § 4 Abs. 2 BVerfSchG genannten Verfassungsgrundsätze zu beseitigen oder außer Geltung zu setzen.
 

Dieses Normverständnis ergibt sich ausgehend vom Wortlaut unter Heranziehung der Gesetzesmaterialien sowie mit Rücksicht auf Sinn und Zweck der Regelung. Die Gesetzesbegründung zu § 3 Abs. 1 BVerfSchG erläutert den Begriff "Bestrebungen" dahin, dass damit eine aktive Verhaltensweise gemeint ist.
  Weder dem Wortlaut noch den Gesetzesmaterialien lässt sich entnehmen, dass darüber hinaus eine kämpferisch-aggressive Vorgehensweise zu verlangen ist. Die teleologische Auslegung bestätigt diese Norminterpretation. Der mit der Beobachtung durch den Verfassungsschutz bezweckte Schutz der freiheitlichen demokratischen Grundordnung setzt schon im Vorfeld einer konkreten Gefährdung dieser Grundordnung an. Dementsprechend ist eine Beobachtung schon dann angezeigt, wenn tatsächliche Anhaltspunkte für ein ziel- und zweckgerichtetes



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Vorgehen vorliegen, ohne dass sich dieses zugleich als kämpferisch-aggressiv erweisen muss.
 

Der von den Klägern in Bezug genommene Polizeibrief der Alliierten Militärgouverneure vom 14. April 1949 und das Genehmigungsschreiben der Alliierten Militärgouverneure zum Grundgesetz vom 12. Mai 1949 geben keine Veranlassung zu einer abweichenden rechtlichen Bewertung. Aus ihnen lässt sich für das Normverständnis des § 4 Abs. 1 Satz 1 Buchst. c) BVerfSchG nichts entnehmen.
  Der Senat war in diesem Zusammenhang nicht gehalten, dem Beweisantrag der Kläger zu II. 0 nachzugehen. Die Kläger stellen damit die von ihnen angenommene rechtliche Relevanz der vorgenannten Dokumente unter Beweis. Der Beweisantrag bezieht sich auf eine Rechtsfrage, deren Bewertung als erheblich und deren Beantwortung dem Gericht obliegt.

Ausgehend von dem vorgenannten Normverständnis liegen auch tatsächliche Anhaltspunkte dafür vor, dass die Kläger aktiv bestrebt sind, in Deutschland die von Scientology publizierte Rechts- und Gesellschaftsordnung zu etablieren. Es gibt aktuelle Erkenntnisse über Aktivitäten der Kläger, das scientologische Programm in Deutschland umzusetzen und zu diesem Zweck personell zu expandieren sowie scientologische Prinzipien in Staat und Gesellschaft mehr und mehr zu verbreiten.

Sowohl aus dem Schrifttum Hubbards als auch aus aktuellen Verlautbarungen von Führungskräften der Scientology-Organisation ergeben sich konkrete Anhaltspunkte dafür, dass die Organisation auf eine "neue Zivilisation hinarbeitet"



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(vgl. z.B. Texte 1, 19, 20, 26, 36, 42, 43, 44, 45, 46, 49, 50). Darunter versteht Scientology einen "geklärten" Planeten, das heißt eine weltweite Verbreitung und Anwendung der scientologischen Verwaltung, Technologie und Rechtsverfahren sowie des eigenen "überlegenen Gesetzeskodexes" (vgl. z.B. Texte 42, 43, 45). Das Ziel einer neuen Zivilisation will Scientology über eine "Strategie zur Schaffung einer neuen Art von Idealen Kirchenorganisationen" verwirklichen: Zentrale Organisationen dienen dabei als "Ausgangspunkt für jede Art von Scientology Aktivität in ihrem geographischen Bereich" (vgl. Text 46). Die Strategie wird dahingehend erläutert, dass es bei der neuen Art von Organisation nicht allein um Auditing und Ausbildung gehe, sondern um das, "was in ihren Gemeinden, Städten und geographischen Gebieten passiert" (vgl. Text 45). Ziel ist eine "massive Zunahme der Ausbildung von Auditoren" und auf diesem Wege eine fortgesetzte Gründung von neuen Missionen und Organisationen, um "jede Art von LRH Technologie in die Umgebung" zu bringen (vgl. Text 45 und 46; dazu ferner Text 49). Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Präsenz von "Scientology-Kirchen" an sogenannten "Schlüsselpunkten der Welt" gelegt. Damit sind Städte gemeint "mit nationalen Regierungen, wo es hochwichtig ist, Zugang zu den Kommunikationslinien zu bekommen, um weitreichende Hilfe für ganze Nationen zu bewirken" (vgl. Text 46). Ausgehend von der strengen Hierarchie innerhalb von Scientology erweisen sich die Kläger als "Rad" innerhalb des Netzwerkes Scientology. Denn unter den vorbenannten Schlüsselpunkten befindet sich auch Berlin (vgl. Text 49). Die angestrebte Vergrößerung des Mitgliederbestandes mit dem Ziel, "jedes einzelne Wesen zurück zur Kirche zu bringen" und "jeden auf der Brücke hinaufzubringen" (vgl. dazu die von der Beklagten vorgelegte Anlage B 149), lässt den Schluss zu, dass die Kläger in Deutschland zumindest langfristig eine - wie dargelegt mit grundlegenden Verfassungswerten unvereinbare - scientologische Rechts- und Gesellschaftsordnung etablieren wollen. Ob sich in dieses Bild die Ausführungen in Text 47 einfügen, wonach mittels der Idealen Organisation in Berlin "die obersten Ebenen der deutschen Regierung" erreicht und "die nötigen Zufahrtsstraßen in das deutsche Parlament" gebaut werden sollen, kann letztlich offen bleiben. Es muss auch nicht geklärt werden, ob die Behauptung der Kläger zutrifft, der - unbekannte - Verfasser des Rundschreibens habe entgegen einer ausdrücklichen Weisung gehandelt



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und der Scientology Kirche e.V. habe sich eindeutig von Form und Inhalt der Verlautbarung distanziert. Ebenso wenig bedarf es der Prüfung, ob das Geschehen angesichts der nicht geklärten Urheberschaft und im Kontext dazu passender sonstiger Verlautbarungen (vgl. Texte 46 und 49) zugunsten oder zu Lasten der Kläger streitet. Auch ungeachtet dieses Vorfalls liegen angesichts der vorgenannten Verlautbarungen hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte dafür vor, dass Scientology eine neue Gesellschaftsordnung errichten will. Danach war der Senat nicht gehalten, dem Beweisantrag der Kläger zu II. 35 nachzugehen. Die darin unter Beweis gestellten Tatsachen sind nicht entscheidungserheblich.

Der gezielte Expansionskurs (neben den bereits zitierten Texten vgl. z.B. auch die von der Beklagten vorgelegten Anlagen B 30 und B 150) drückt sich neben der Kampagne zur Schaffung "Idealer Kirchenorganisationen" auch darin aus, dass die Mitglieder von Scientology dazu angehalten werden, "wirksame Werbung" zu betreiben, was insbesondere durch den Verkauf der Bücher Hubbards erreicht werden soll (vgl. Texte 20, 36; Anlage B 150, S. 54, 55). Unter den beworbenen Schriften finden sich auch diejenigen Texte, die den Verdacht verfassungsfeindlicher Bestrebungen begründen. Daneben zielt Scientology beispielsweise darauf, "LRH Technologie" über die Verteilung verschiedener Broschüren, "von denen jede auf einen gesonderten Bereich der LRH Technologie eingeht", zu verbreiten (vgl. zu einer derartigen Kampagne für Europa Anlage B 150, S. 37 ff.). Darüber hinaus sind die Mitglieder aufgerufen, in ihren Gemeinden Verbreitungsarbeit zu leisten und "Mengen von Leuten" zu gewinnen, denen "Vorträge und Einführungsdienste gegeben werden" (vgl. Anlage B 149). Des Weiteren gibt es aktuelle Erkenntnisse über Aktivitäten von Scientology, entsprechend den Vorgaben von Hubbard (vgl. dazu Texte 29, 37, 56) die angestrebte Expansion dadurch unterstützen zu wollen, dass sie sich bemüht, Einfluss auf staatliche Funktionsträger und Gesetzgebung zu gewinnen (vgl. z.B. Text 46, Anlage B 150 - S. 37 ff.; siehe auch die "Erfolgsmeldungen" in den von der Beklagten vorgelegten Anlagen B 148, S. 38; B 163, S. 15 ff., 44/45). Das Ziel, "jeden Teil unserer Technologie voranzutreiben und in Anwendung zu bringen", verfolgt Scientology nachdrücklich auch über die Programme von "Narconon, Applied Scholastics und dem Weg zum Glücklichsein" (vgl. Text 46; Anlage B 163, S. 9, 13 ff.) sowie über



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das "World Institute of Scientology Enterprises" - WISE. Letzteres wurde laut Scientology gegründet "als religiöser Verband von Geschäftsleuten und Mitgliedern vieler anderer Berufsgruppen, denen als Scientologen die weitere Gewissheit über den Wert von L. Ron Hubbards Verwaltungstechnologie gemeinsam ist" (vgl. die von den Klägern vorgelegte Anlage K 24 "Was ist Scientology?, 1998, S. 489). Zu diesen Aktivitäten heißt es etwa, dass "für einen lernunfähigen Schüler, der Applied Scholastics entdeckt, einen Drogenabhängigen, der ein Narconon Zentrum betritt, und einen scheiternden Unternehmer, der einem WISE Berater begegnet", die "LRH Tech wirklich wie Magie" erscheint (vgl. Anlage B 163, S. 9). Die Verbreitung des Heftes "Der Weg zum Glücklichsein" bezeichnet Scientology als "unsere durchdringendste Kampagne" (vgl. die von der Beklagten vorgelegte Anlage B 249, S. 56).
 

Die Kläger leisten - was von ihnen nicht bestritten wird - aktive Unterstützung der Kampagne zur Schaffung "Idealer Kirchenorganisationen" sowie der Zielsetzung, in Deutschland zu expandieren. Dies dokumentiert sich beispielsweise darin, dass das Ziel einer "neuen Idealen Org" in Berlin Anfang 2007 umgesetzt wurde, verbunden mit dem Bezug eines neuen "4300 m² großen, sechsstöckigen Gebäudes" (vgl. die Berichterstattung in der International Scientology News, Anlage B 163, S. 25). Andere Gliedkirchen im Bundesgebiet fördern die Kampagne ebenfalls (vgl. die von der Beklagten vorgelegten Anlagen B 147, B 164 und B 207 betreffend die Scientology Kirche e.V. sowie die Anlagen B 201 und B 205 betreffend die Scientology Gemeinde ). Dabei wird auch im Bereich der Wirtschaft für die "LRH Technologie" geworben (vgl. die von der Beklagten vorgelegte Anlage B 208 betreffend die "5. Hanseatische WISE Convention 2005"). Ebenso fördern die Kläger die Kampagne zur Verbreitung der Broschüre "Der Weg zum Glücklichsein". Das haben sie selbst ausdrücklich mit Schriftsatz vom 8. Februar 2008 vortragen. Auch wirbt etwa der Kläger zu 2. auf seiner Website im Internet (vgl. die von der Beklagten vorgelegte Anlage B 250, datierend vom 10. Januar 2008) und in Werbebroschüren (vgl. die



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zur "Eröffnung der neuen Scientology Kirche Berlin" herausgegebene Unterlage, von der Beklagten vorgelegt als Anlage B 144, S. 36) für die Kampagne. Insoweit spielt es keine Rolle, ob die Broschüre von der Organisation "The Way to Happiness Foundation", wie die Kläger in der mündlichen Verhandlung erklärt haben, ohne ihre Kenntnis versandt worden ist. Es passt jedenfalls zu ihren eigenen Aktivitäten, dass Parlamentariern in Berlin von Scientology unaufgefordert Werbematerial zugesandt worden ist (vgl. Schriftsatz der Beklagten vom 14. Januar 2008, Bl. 2017 d.GA mit der Anlage B 244). In dem von der Beklagten überreichten Pressebericht heißt es zudem weiter, dass Politiker "von einer sehr intensiven Lobbyarbeit der Organisation" berichteten. Die Kläger sind dem nicht entgegengetreten. Darüber hinaus gibt es, wie die Kläger in der mündlichen Verhandlung nicht in Abrede gestellt haben, aktuelle Aktivitäten von Scientology-Mitgliedern auf dem Gebiet der Schülernachhilfe. Inhaltlich geht es dabei, so die Erläuterung der Kläger in der mündlichen Verhandlung, "um die Verbreitung einer von L. Ron Hubbard etablierten Lernmethode" (vgl. dazu auch die von der Beklagten als Anlage B 144 vorgelegte Broschüre des Klägers zu 2., in der u.a. die "Lerntechnologie" und "Applied-Scholastics-Programme" beworben werden). Alle diese Aktivitäten legen nahe, dass es den Klägern darum geht, scientologische Prinzipien mehr und mehr in der Gesellschaft zu verbreiten. Dies gilt auch und gerade in Bezug auf die Schülernachhilfe. Hubbard bezeichnet seine "Studiertechnologie" als "unsere Brücke zur Gesellschaft" (vgl. Einführung in die Ethik der Scientology, 2007, S. 329 - vorgelegt von den Klägern als Anlage BB 152, Beiakte Heft 43). Dem liegt seine Vorstellung zugrunde, dass "ganze Kulturen ... sich verändert" haben, "weil jemand die Kinder verändert hat. In der Vergangenheit wurden die Kinder für gewöhnlich zum Schlechteren verändert. Lassen Sie es uns heute anders machen und sie zum Besseren verändern" (vgl. die von der Beklagten vorgelegte Anlage B 157, S. 24).

Der Einwand der Kläger, ihr Verhalten sei nicht politisch bestimmt, greift nicht durch. Das Verwaltungsgericht hat zutreffend darauf abgestellt, dass Verhaltensweisen, die auf die Errichtung einer "neuen" Gesellschaftsordnung zielen, eine "politische" Zielrichtung im Sinne des § 4 Abs. 1 Satz 1 Buchst. c) BVerfSchG zukommt (vgl. Urteilsabdruck S. 42 unter Buchst. d)).



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  Dem steht nicht entgegen, dass sich Äußerungen Hubbards finden, wonach Scientology nicht politisch sei (vgl. z.B. Text 12). Maßgeblich ist der Gesamteindruck, den die Verlautbarungen und Aktivitäten von Scientology vermitteln. Danach bestehen aber, wie sich aus den vorstehenden Ausführungen ergibt, hinreichende Anhaltspunkte dafür, dass den Verhaltensweisen der Kläger (auch) eine politische Ausrichtung zukommt.

Ohne Erfolg bleibt der Einwand der Kläger, als Religionsgemeinschaften sei ihr Handeln primär religiös bestimmt. Selbst wenn die Kläger, ihrem Selbstverständnis folgend, als Religionsgemeinschaften zu qualifizieren sind, hindert dies nicht, ihr in den weltlichen Bereich wirkendes tatsächliches Verhalten nach weltlichen Kriterien zu beurteilen.
 

Aus demselben Grund dringen die Kläger nicht mit der Rüge durch, der Heranziehung der hier aufgeführten Quellen als Anknüpfungspunkt für das "Vorliegen tatsächlicher Anhaltspunkte" stehe entgegen, dass es sich nach ihrem Selbstverständnis um Texte handele, die "auf das interne Leben der Kirche" bezogen seien.

Eine abweichende Bewertung ergibt sich auch nicht in Ansehung der von den Klägern mit dem Beweisantrag zu II. 10 unter Beweis gestellten sozialen und karitativen Aktivitäten, die indes lediglich einen Teilbereich ihres Betätigungsfeldes ausmachen. Sie stellen die Relevanz und das Gewicht derjenigen Verlautbarungen und Aktivitäten, die das Vorliegen tatsächlicher Anhaltspunkte für Bestrebungen im Sinne von § 4 Abs. 1 Satz 1 Buchst. c) BVerfSchG begründen,



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nicht in Frage. Angesichts dessen brauchte der Senat dem Beweisantrag der Kläger zu II. 10 nicht nachzugehen. Genauso konnte der Beweisantrag der Kläger zu II. 24 d) abgelehnt werden. Die mit diesem Antrag unter Beweis gestellten Tatsachen zum "Snow-White- Programm" sind nicht entscheidungserheblich. Sie lassen die hier zur Begründung des Verdachts verfassungsfeindlicher Bestrebungen herangezogenen Umstände unberührt.

Dasselbe gilt in Bezug auf die Beweisanträge zu II. 34 und 36. Die darin unter Beweis gestellten Tatsachen sind nicht entscheidungserheblich. Auf die von der Beklagten mit den Anlagen B 210, B 211, B 214 bis B 217 vorgelegten "HCO-Ethics- Orders" kommt es hier ebenso wenig an wie auf die Tätigkeit des Vereins "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte e.V.". Der diesbezügliche Tatsachenvortrag der Kläger stellt das Vorliegen der Voraussetzungen für eine weitere Beobachtung der Kläger durch das Bundesamt für Verfassungsschutz nicht in Frage.

Es bestand für den Senat auch keine Veranlassung, den Beweisanträgen zu II. 11 und 24 a) bis c) zu entsprechen. Die Beweisanträge beziehen sich nicht auf Tatsachen, sondern auf Einschätzungen und Wertungen, die einer Beweiserhebung nicht zugänglich sind. Die Beweisanträge zu II. 24 a) und b) zielen ersichtlich auf das Tatbestandsmerkmal der "politisch bestimmten Verhaltensweise" in § 4 Abs. 1 Satz 1 Buchst. c) BVerfSchG ab. Ob eine Betätigung darunter zu subsumieren ist, unterliegt einer dem Gericht vorbehaltenen rechtlichen Bewertung. Entsprechendes gilt für den Beweisantrag zu II. 11, der an das Tatbestandsmerkmal der "Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung" im Sinne von § 4 Abs. 1 Satz 1 Buchst. c) i.V.m. Abs. 2 BVerfSchG anknüpft. Der Beweisantrag zu II. 24 c) bezeichnet ebenfalls keine einer Beweiserhebung zugängliche Tatsachenbehauptung. Ob sich eine Verhaltensweise als "Infiltration staatlicher Einrichtungen" bzw. als ein darauf gerichteter Versuch erweist, bewegt sich angesichts der Auslegungsbandbreite der verwandten Begriffe im Bereich der Wertung.



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3.   Das Verhältnismäßigkeitsprinzip steht der weiteren Beobachtung der Kläger nicht entgegen. Das gilt gleichermaßen für alle nach dem Bundesverfassungsschutzgesetz eröffneten Wege der Informationsbeschaffung. Diese umfassen allgemein zugängliche Quellen, Auskünfte der Staatsanwaltschaften, Polizeien und anderer Behörden sowie den Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel.

Der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit, der in § 8 Abs. 5, § 9 Abs. 1 Sätze 2 bis 4 BVerfSchG seine einfachgesetzliche Ausprägung gefunden hat, fordert im Allgemeinen, dass der staatliche Eingriff in ein Recht des Einzelnen zur Erreichung des verfolgten Zwecks geeignet und erforderlich sein muss. Des Weiteren darf der Eingriff nach Maßgabe einer Abwägung zwischen den öffentlichen Belangen und denen des Betroffenen für diesen nicht unzumutbar sein. Hier ist für die Anwendung des Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes von Bedeutung, dass die Beobachtung durch das Bundesamt für Verfassungsschutz nur zulässig ist, wenn tatsächliche Anhaltspunkte für Bestrebungen im Sinne von § 3 Abs. 1 BVerfSchG vorliegen (vgl. § 8 Abs. 1 Satz 1, § 4 Abs. 1 Satz 3 BVerfSchG). Mit der Aufklärung eines solchen Verdachts verfassungsfeindlicher Bestrebungen verbundene Nachteile hat der Betroffene grundsätzlich hinzunehmen. Zudem ist zu berücksichtigen, dass die Ämter für Verfassungsschutz ihre Aufgabe oftmals nicht effektiv wahrnehmen könnten, wenn ihr Vorgehen weitgehend offen zu legen wäre.
 

Gemessen daran ist die Beklagte befugt, die Kläger auch mit nachrichtendienstlichen Mitteln im Sinne von § 8 Abs. 2 BVerfSchG zu beobachten.

Ihre Beobachtung bezweckt, die bestehenden tatsächlichen Anhaltspunkte für das Vorliegen verfassungsfeindlicher Bestrebungen weiter aufzuklären und mit den gewonnenen Informationen die Regierung und die Öffentlichkeit in die Lage zu versetzen, Art und Ausmaß möglicher Gefahren zu erkennen und diesen in angemessener Weise entgegenzuwirken. Der Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel ist auch geeignet, diesen Zweck zu fördern. Dem steht nicht entgegen, dass gegebenenfalls aufgrund spezialgesetzlicher oder dienstlicher Regelungen



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weitere Anforderungen an die Anwendung nachrichtendienstlicher Mittel zu stellen sind (vgl. § 8 Abs. 2, § 9 Abs. 2 BVerfSchG). Es obliegt insoweit der Prüfung im konkreten Einzelfall, ob die jeweiligen Einsatzvoraussetzungen erfüllt sind. Eine generelle Untersagung der Verwendung solcher Mittel, wie sie die Kläger anstreben, rechtfertigt sich daraus nicht.

Gemäß § 9 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BVerfSchG ist Voraussetzung, dass auf diese Weise Erkenntnisse über Bestrebungen oder Tätigkeiten nach § 3 Abs. 1 BVerfSchG oder die zur Erforschung solcher Erkenntnisse erforderlichen Quellen gewonnen werden können. Dies ist hier der Fall.

Wie unter 2. dargelegt, liegen auf aktuellen Erkenntnissen beruhende tatsächliche Anhaltspunkte für Bestrebungen der Kläger im Sinne von § 3 Abs. 1 Nr. 1, 1. Alt. BVerfSchG vor. Durch den Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel können auch weitere Erkenntnisse über diese Bestrebungen oder die zur Erforschung solcher Erkenntnisse erforderlichen Quellen gewonnen werden. Eine "offene" Beobachtung beschränkt sich im Wesentlichen auf die Sammlung und Auswertung von Informationen, die allgemein zugänglich sind. Ein Teil des Schrifttums und der Äußerungen von Scientology ist jedoch, wie die Beklagte nachvollziehbar dargelegt hat, nicht allgemein zugänglich. Dies betrifft beispielsweise vereinsinterne Schreiben und Verlautbarungen der Kläger (z.B. Aufrufe, Mitteilungen, Rundschreiben, Ethik- Order und Ähnliches) sowie sonstige Schriften der Scientology, die nur innerhalb der Scientology-Organisation oder einer ihrer Gliederungen bekannt und für diese bestimmt sind wie z.B. "Richtlinien der Mutterkirche" (vgl. § 9 Nr. 2 der Satzung des Klägers zu 1.), Schulungsunterlagen sowie Mitgliederzeitschriften (vgl. dazu Schriftsatz der Beklagten vom 12. Februar 2004, Bl. 518, 524 f. d.GA). Gerade Letzteren entstammen eine Vielzahl der von der Beklagten im Verfahren vorgelegten Anlagen. Darüber hinaus gibt es tatsächliche Anhaltspunkte dafür, dass das Wirken von Scientology nicht durchgängig von einer Transparenz nach außen gekennzeichnet ist. So weist ein Teil der Unterlagen den Hinweis "vertraulich" auf (vgl. z.B. Text 38; ferner die von der Beklagten vorgelegten Anlagen B 46 und B 142; siehe auch die Übersicht über "Bezugsmaterialien" in der von den Klägern vorgelegten Anlage K 24, S. 894 ff., wonach



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ein Teil der dort verzeichneten Materialien "vertraulich" bzw. "unveröffentlicht" ist). Vor diesem Hintergrund hat die Beklagte plausibel dargetan, dass sie verschiedene Erkenntnismaterialien nur unter Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel hat gewinnen können (vgl. Schriftsatz vom 7. Oktober 2005, Bl. 1315 d.GA). Dies betrifft etwa die Anlagen B 9 (vgl. daraus Texte 15, 16, 27, 31 bis 33, 36, 52 und 53) und B 137 (vgl. Text 14). Die Kläger sind dem nicht entgegengetreten. Ein weiteres Beispiel ist die bereits im erstinstanzlichen Urteil als Beleg angeführte Anlage B 68. Ihren hierzu mit Schriftsatz vom 2. Mai 2005 erhobenen Einwand, das Material habe die Beklagte nicht mit nachrichtendienstlichen Mitteln erlangt, haben die Kläger nicht weiter belegt. In der mündlichen Verhandlung hat die Beklagte unwidersprochen vorgetragen, etwa 50 % des von ihr vorgelegten Materials über die Kläger mit Hilfe nachrichtendienstlicher Mittel erlangt zu haben. Der Senat hat keine Veranlassung, an diesen Angaben zu zweifeln.

Der Umstand, dass es - wie dargelegt - bezogen auf eine Umsetzung des mit dem Verdacht der Verfassungsfeindlichkeit behafteten scientologischen Programms in Deutschland aktuelle tatsächliche Erkenntnisse gibt, bildet einen wesentlichen Unterschied zwischen der hier zu beurteilenden Sachlage und denjenigen Sachverhalten, die Grundlage der Entscheidungen des Verwaltungsgerichts Berlin vom 13. Dezember 2001 (27 A 260/98, NVwZ 2002, 1018) und des Oberverwaltungsgerichts des Saarlandes vom 27. April 2005 (2 R 14/03) waren. Anders als dort liegt hier zum einen aktuell erschlossenes Quellenmaterial vor. Zum anderen lässt dieses Erkenntnismaterial Rückschlüsse auf zunehmend konkrete Absichten der Kläger zur Umsetzung ihrer scientologischen Vorstellungen zu.

Die Beobachtung der Kläger mit nachrichtendienstlichen Mitteln erweist sich auch nicht deshalb als unverhältnismäßig, weil der Zweck der Beobachtung erreicht wäre oder sich Anhaltspunkte dafür ergäben, dass er nicht oder nicht auf diese Weise erreicht werden könnte (vgl. § 9 Abs. 1 Satz 4 BVerfSchG).

Eine mit dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit unvereinbare "Dauerbeobachtung" mit nachrichtendienstlichen Mitteln ist nicht gegeben. Von einer unzulässigen



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"Dauerbeobachtung" kann allenfalls dann ausgegangen werden, wenn sich nach umfassender Aufklärung durch eine mehrjährige Beobachtung der Verdacht verfassungsfeindlicher Bestrebungen nicht bestätigt hat und die für die Beobachtung maßgeblichen tatsächlichen Umstände im Wesentlichen unverändert geblieben sind.
 

Davon kann hier keine Rede sein. Die von der Beklagten zum Beleg angeführten Erkenntnisse beschränken sich nicht auf "älteres" - bereits seit Jahren vorliegendes - Quellenmaterial. Die Beklagte hat vielmehr auf eine Vielzahl neuer Informationen verwiesen, die sie durch die fortgesetzte nachrichtendienstliche Beobachtung der Kläger gerade auch in jüngerer Zeit gewonnen hat (vgl. z.B. Texte 44, 45, 46, 49 sowie die hier im Rahmen der Ausführungen zu den Expansionsbestrebungen von Scientology benannten Quellen). Angesichts dessen besteht ein berechtigtes öffentliches Interesse daran, die weitere Entwicklung der Kläger und ihrer Aktivitäten zu beobachten und aufzuklären.

Die weitere verfassungsschutzbehördliche Beobachtung der Kläger unter Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel ist auch erforderlich.

Der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit gebietet, unter mehreren geeigneten Maßnahmen diejenige zu wählen, die den Betroffenen voraussichtlich am wenigsten belastet. Dem entspricht es, dass gemäß § 9 Abs. 1 Satz 2 BVerfSchG Informationen nicht mit nachrichtendienstlichen Mitteln beschafft werden dürfen, wenn die Erforschung des Sachverhalts auf andere, den Betroffenen weniger beeinträchtigende Weise möglich ist. Es ist nicht ersichtlich, dass die Vorgehensweise der Beklagten diesen Anforderungen nicht gerecht würde.

Die Beklagte hat unter Einbeziehung nachrichtendienstlicher Erfahrungswerte nachvollziehbar dargelegt, dass auch im Lichte der bereits erlangten Kenntnisse eine (weitere) heimliche Beobachtung der Kläger durch das Bundesamt für



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Verfassungsschutz geboten ist (vgl. Schriftsatz vom 7. Oktober 2005, Bl. 1311 ff. d.GA zu Ziffern 2, 3 und 5). An der Plausibilität dieses Vorbringens,
 

bestehen keine vernünftigen Zweifel, zumal die Beklagte Erkenntnismaterialien, die sie sich allein auf nachrichtendienstlichem Wege beschafften konnte, wie ausgeführt, konkret benannt hat.

Dass die Beklagte nachrichtendienstliche Mittel einsetzen würde, um bereits vorliegende Erkenntnisse in Details zu perfektionieren, obwohl dies für die zweckgerechte Information der zuständigen staatlichen Stellen sowie der Öffentlichkeit nicht erforderlich ist,
 

 
ist nicht ersichtlich. Vielmehr spricht das bislang auf diesem Weg erlangte Erkenntnismaterial über Zielsetzungen und Aktivitäten von Scientology dafür, dass bei einer fortgesetzten Beobachtung der Kläger weitere aussagekräftige Informationen gesammelt werden können, die einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn vermitteln. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund der dargelegten aktuellen Expansionsbestrebungen von Scientology sowie mit Blick auf die glaubhaften Angaben der Beklagten, dass sie eine Vielzahl der dazu vorgelegten Erkenntnisse nur mit Hilfe nachrichtendienstlicher Mittel hat gewinnen können.

Die Erforderlichkeit der nachrichtendienstlichen Beobachtung durch das Bundesamt für Verfassungsschutz wird nicht dadurch in Frage gestellt, dass einige der von der Beklagten ausgewerteten Erkenntnisse von Landesämtern für Verfassungsschutz beschafft worden sind. § 5 Abs. 1 BVerfSchG sieht ausdrücklich vor, dass die Landesbehörden für Verfassungsschutz Informationen an das Bundesamt für Verfassungsschutz übermitteln, soweit es für dessen Aufgaben erforderlich ist. Die Befugnis des Bundesamtes, in eigener Zuständigkeit Informationen



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zu sammeln und auszuwerten, bleibt davon unberührt (vgl. §§ 5 Abs. 2, 8 Abs. 1 BVerfSchG).

Die Beobachtung der Kläger mit "offenen" und nachrichtendienstlichen Mitteln ist schließlich verhältnismäßig im engeren Sinne. Sie steht auch dann nicht erkennbar außer Verhältnis zur Bedeutung des aufzuklärenden Sachverhalts (vgl. § 9 Abs. 1 Satz 3 BVerfSchG), wenn man die Kläger, wie sie für sich in Anspruch nehmen, als Religionsgemeinschaften qualifiziert.

Zwar stellt die Beobachtung einer religiösen (oder weltanschaulichen) Gruppierung unter Einsatz geheimdienstlicher Mittel einen erheblichen Eingriff in die durch Art. 4 Abs. 1 und 2 GG, Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 3 Satz 1, Abs. 7 WRV, Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG geschützte Freiheitssphäre der Religions- /Weltanschauungsgemeinschaft dar. Dem gemäß setzt die Anordnung der heimlichen Informationsbeschaffung eine besondere Abwägung voraus, die den betroffenen Grundfreiheiten Rechnung trägt.
 

Diese Abwägung fällt zu Lasten der Kläger aus. Aus den genannten Gründen liegen gewichtige tatsächliche Anhaltspunkte dafür vor, dass die Kläger Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung verfolgen. Angesichts dessen ist es geboten, im Interesse einer effektiven Gefahrenabwehr mögliche Gefahren für die verfassungsgemäße Ordnung frühzeitig zu erkennen und die zuständigen Behörden sowie die Öffentlichkeit sachkundig zu informieren.



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Dies ist nur über die weitere Beobachtung der Kläger auch mit nachrichtendienstlichen Mitteln gewährleistet. Das Interesse der Kläger, von einem Eingriff in die berührten Grundrechte verschont zu bleiben, hat demgegenüber zurückzustehen. Gesichtspunkte, die Veranlassung zu einer abweichenden rechtlichen Beurteilung geben, sind nicht erkennbar. Der Senat hat insbesondere keinen Anlass zu der Annahme, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz entgegen dem Vortrag der Beklagten im vorliegenden Verfahren nachrichtendienstliche Mittel einsetzt, ohne die sich aus § 8 Abs. 2 Satz 2, Abs. 5, § 9 Abs. 1 Sätze 2 bis 4, Abs. 2 bis 4 BVerfSchG ergebenden gesetzlichen Grenzen zu beachten. In Bezug auf den Einsatz von V(ertrauens)-Leuten hat der Vertreter des Bundesamtes in der mündlichen Verhandlung auf Nachfrage erklärt, dass nach den Dienstvorschriften der Behörde V- Leute weder die Zielsetzung noch die Aktivitäten des Beobachtungsobjektes entscheidend mitbestimmen dürfen und dass diese Vorgabe auch bei der Beobachtung der Kläger nicht verletzt wird. Des Weiteren legt der Senat ebenso wie das erstinstanzliche Gericht zugrunde, dass das individuelle Auditing einer konkreten Beobachtung durch das Bundesamt für Verfassungsschutz nicht unterliegt. Anhaltspunkte für eine abweichende Beurteilung sind weder dargelegt noch sonst ersichtlich. Dem steht der von den Klägern geschilderte Fall eines aus ihrer Sicht rechtsmissbräuchlichen Zugriffs auf vertrauliche Auditing-Unterlagen in Bayern nicht entgegen. Ob und inwieweit diese Schilderung den Tatsachen entspricht, kann dahingestellt bleiben, da sie an der grundsätzlichen Berechtigung zum Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel auf der Basis des Bundesverfassungsschutzgesetzes nichts ändert.

Die Kläger sind infolge der verfassungsschutzbehördlichen Beobachtung auch nicht unzumutbar in den von ihnen beanspruchten Gewährleistungen aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG beeinträchtigt. Das Grundrecht der Religions- und Weltanschauungsfreiheit umfasst u.a. die Freiheit, sich mit anderen aus gemeinsamem Glauben oder gemeinsamer weltanschaulicher Überzeugung zusammenzuschließen. Die durch diesen Zusammenschluss gebildete Vereinigung selbst genießt das Recht zu religiöser oder weltanschaulicher Betätigung, zur Verkündigung des Glaubens, zur Verbreitung der Weltanschauung sowie zur Pflege und



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Förderung des jeweiligen Bekenntnisses. Geschützt sind auch die Freiheit, für den eigenen Glauben und die eigene Überzeugung zu werben.
 

Es ist den Klägern weiterhin unbenommen, diesen Aktivitäten nachzugehen. Eine Verletzung der Gewährleistungen aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ergibt sich auch nicht unter dem Gesichtspunkt, dass der Staat verpflichtet ist, sich in Fragen des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses neutral zu verhalten. Mit der in Rede stehenden Beobachtung der Kläger durch das Bundesamt für Verfassungsschutz ist weder eine Regelung genuin religiöser oder weltanschaulicher Fragen, noch eine parteiergreifende Einmischung in Überzeugungen, Handlungen und Darstellungen der Kläger verbunden. Anknüpfungspunkt für die Maßnahme ist allein die Beurteilung des tatsächlichen Verhaltens der Kläger nach weltlichen Kriterien. Daran ist die Beklagte nicht gehindert.
  Soweit die Kläger Nachteile bei der Werbung für Scientology und von neuen Mitgliedern besorgen, handelt es sich um Beeinträchtigungen, die ihnen in Abwägung mit der Gewährleistung eines ausreichenden Schutzes der freiheitlichen demokratischen Grundordnung zumutbar sind.
  Die Besorgnis der Kläger, das Bundesamt für Verfassungsschutz würde im Zuge der Beobachtung erlangte personenbezogene Daten unbefugterweise an andere Stellen weiterleiten, begründet ebenfalls keine Unzumutbarkeit der Maßnahme. Die Frage der Zulässigkeit der Datenübermittlung durch das Bundesamt für Verfassungsschutz ist ein gesondert zu beurteilender Vorgang (vgl. § 17, §§ 19 ff. BVerfSchG), der die Befugnisse nach § 8 Abs. 1 und 2 BVerfSchG unberührt



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lässt. Es ist dem jeweils Betroffenen unbenommen, eine für unzulässig erachtete Übermittlung ihn betreffender Daten im Rechtswege überprüfen zu lassen.

Die Beobachtung mit nachrichtendienstlichen Mitteln erweist sich auch nicht deshalb als unverhältnismäßig, weil Scientology und die Kläger nach den Erkenntnissen der Beklagten im Geltungsbereich des Grundgesetzes bislang einen nennenswerten Erfolg bei ihren Expansionsbestrebungen nicht verzeichnen können. Die Einschätzung, dass von den Klägern ein im Sinne des Bundesverfassungsschutzgesetzes relevantes Gefährdungspotential ausgeht, wird dadurch nicht in Frage gestellt. Die in jüngerer Zeit feststellbaren verstärkten Expansions- und Werbeaktivitäten begründen jedenfalls eine Gefahrenlage, die eine weitere Aufklärung auch unter Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel rechtfertigen.

Soweit die Kläger eine Verletzung von Art. 9 Abs. 1 GG bzw. Art. 8, 9, 10, 11 und 14 EMRK geltend machen, kann dahinstehen, inwieweit die jeweiligen Schutzbereiche dieser Normen berührt sind. Die genannten Vorschriften gewährleisten hier jedenfalls keinen weiter gehenden Schutz als Art. 4 Abs. 1 und 2 GG.

Danach lässt sich auch nicht feststellen, dass schutzwürdige Interessen der Kläger entgegen § 8 Abs. 1 Satz 3 BVerfSchG in vermeidbarem Umfang beeinträchtigt wären.

Rechtlich unerheblich ist, ob, wie die Kläger geltend machen, Scientology in anderen Ländern nicht "geheimdienstlich überwacht" wird und dort nicht von staatlicher Seite als "Gefahr für die demokratische Grundordnung" angesehen wird. Maßgeblich sind allein der hier zur Überprüfung gestellte Sachverhalt und die dafür in Deutschland einschlägigen Rechtsnormen. Angesichts dessen hatte der Senat keine Veranlassung, den Beweisanträgen der Kläger zu II. 31, 32 und 33 nachzugehen. Die darin unter Beweis gestellten Tatsachen, die sich auf die Sach- und Rechtslage in anderen Staaten beziehen, sind nicht entscheidungserheblich.



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Der Senat war auch nicht gehalten, dem Antrag der Kläger zu I. auf Beiziehung der "bei dem Bundesministerium des Inneren, bei dem Bundesverwaltungsamt und dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zu der Scientology Kirche und den Klägern vorhandenen Urkunden und Akten" nachzugehen. Bei dem Antrag handelt es sich der Sache nach um einen Beweisermittlungsantrag. Er zielt nicht auf eine bzw. mehrere konkrete Urkunden als individualisierte Beweismittel, sondern auf die Beiziehung von inhaltlich nicht näher bestimmten Urkundensammlungen. Darüber hinaus fehlt es an der für einen Beweisantrag erforderlichen Bezeichnung einer bestimmten Tatsache, die bewiesen werden soll. Als Beweisermittlungsantrag unterliegt der Antrag nicht den für einen Beweisantrag nach § 86 Abs. 2 VwGO geltenden Ablehnungsgründen, sondern ist an den Anforderungen der gerichtlichen Pflicht zur Sachaufklärung (§ 86 Abs. 1 VwGO) zu messen.
 

Danach musste sich dem Senat die Notwendigkeit der Beiziehung des von den Klägern unspezifiziert als beim Bundesministerium des Inneren, beim Bundesverwaltungsamt und beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zu Scientology und den Klägern als "vorhanden" bezeichneten Aktenmaterials nicht aufdrängen. Eine Pflicht zur Aktenbeiziehung ergibt sich nicht unter dem Gesichtspunkt, dass es sich bei den unspezifizierten Unterlagen um zum vorliegenden Verfahren gehörende Verwaltungsvorgänge handeln könnte. Der Senat hat keine Veranlassung davon auszugehen, dass die Beklagte diejenigen Verwaltungsvorgänge des Bundesamtes für Verfassungsschutz, die das streitgegenständliche Unterlassungsbegehren der Kläger betreffen, nicht vollständig vorgelegt hat (vgl. Beiakten Hefte 7 bis 9). Es liegen auch im Übrigen keine Gesichtspunkte vor, die dem Senat eine weitere Sachaufklärung hätten nahe legen müssen. Die bloße Vermutung, aus nicht näher bestimmten Urkunden könnten sich entscheidungserhebliche Tatsachen ergeben, begründet jedenfalls keine gerichtliche Pflicht zur Sachaufklärung. Die diesbezügliche Annahme der Kläger verbleibt im Bereich der Spekulation. Dies gilt auch in Ansehung der von den Klägern benannten Bescheide, mit denen ihre Anträge auf Informationszugang



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nach dem Informationsfreiheitsgesetz abgelehnt worden sind. Soweit die Bescheide sich auf den in § 3 Nr. 1 Buchst. g) genannten Ablehnungsgrund "der nachteiligen Auswirkungen auf die Durchführung eines laufenden Gerichtsverfahrens" stützen, bezweckt die Regelung den Schutz des Gerichtsverfahrens als Institut der Rechtsfindung vor negativer Einwirkung im Sinne eines Schutzes von Gemeinwohlbelangen.
 

Vor diesem Hintergrund lässt sich den auf eine bloße Wiedergabe des Gesetzeswortlauts beschränkten Ausführungen in den Bescheiden des Bundesministeriums des Innern vom 16. Mai 2006 und des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend vom 19. Juni 2006 schon kein greifbarer Anhalt für die Vermutung der Kläger entnehmen, aus dem dort "vorhandenen" Aktenmaterial ergäben sich für das vorliegende Verfahren entscheidungserhebliche Tatsachen, die über das hinausgingen, was von den Beteiligten bereits vorgelegt worden ist. Ebenso wenig liegt danach ein greifbarer Anhalt dafür vor, dass es sich, worauf der Antrag der Kläger abzielt, um entscheidungserheblichen Inhalt zu ihren Gunsten handeln könnte. Eine abweichende Bewertung ist auch nicht im Hinblich auf den von den Klägern vorgelegten Widerspruchsbescheid des Bundesverwaltungsamts vom 28. März 2007 veranlasst, mit dem dieses seinen ablehnenden Ausgangsbescheid vom 7. April 2006 bestätigt hat. Aus dem pauschalen Hinweis auf nicht "auszuschließende Nachteile für die Prozessstrategie der Beklagten" lässt sich ebenfalls kein greifbarer Anhalt im vorgenannten Sinne entnehmen. Vor dem Hintergrund, dass der Widerspruchsbescheid die Art der in Rede stehenden Unterlagen näher konkretisiert (vgl. S. 6 f. des Bescheids), wäre es Sache der Kläger gewesen, die von ihnen behauptete Entscheidungserheblichkeit zumindest im Ansatz näher zu spezifizieren.

Die Kostenentscheidung folgt aus §§ 154 Abs. 2, 159 Satz 1 VwGO, § 100 Abs. 1 ZPO, die Entscheidung über ihre vorläufige Vollstreckbarkeit aus § 167 VwGO, §§ 708 Nr. 10, 711 ZPO.



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Die Revision ist nicht zuzulassen, weil die gesetzlichen Voraussetzungen hierfür nicht vorliegen (§ 132 Abs. 2 VwGO).
 
 

 
 



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