Ingo Heinemann: Scientology-Kritik 
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Der Marseille-Prozess:
Akten verschwunden, Scientologen verurteilt
 
 
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L'EVENEMENT 5.11.98: Scientology: Die Sekte, die den Staat bedroht



 
Betrugsprozess in Marseille

Tages-Anzeiger, 21.09.99:

"Reise in ein Gefängnis des Geistes"

In Frankreich erregt ein Prozess gegen die Scientologen-Sekte grosses Aufsehen - und Widerwillen gegen deren totalitäre Methoden.

Von Jürg Schoch, Paris

Zehn Jahre mussten die Kläger auf die Eröffnung des Prozesses warten. Doch als es am Montagmorgen vor einem Marseiller Gericht endlich so weit war, versuchte die Verteidigung das Verfahren gleich wieder abzublocken. Das erstaunt nach allem, was die lange Vorgeschichte kennzeichnet, niemanden mehr.

Die "Reise in ein Gefängnis des Geistes", wie "Libération" ihre Vorschau betitelt, begann in den 80er-Jahren, als die Scientology-"Kirche" in Nizza und Marseille ihre Dienste anbot: Einzelsitzungen und länger dauernde Kurse, in denen der mit Sorgen und Nöten geplagte Mensch "gereinigt" und in einen Zustand der "Klarheit" versetzt werden sollte. Sie wurden auf ganz andere Weise versetzt, wie die Untersuchungen zeigten.

Manche mussten sich nach Inanspruchnahme der Dienste in psychiatrische Behandlung begeben - und dies, nachdem sie bei Scientology Kursgebühren bis zu umgerechnet 35 000 Franken bezahlt hatten. Was übrigens die respektablen Umsätze des Heilsanbieters erklärt. 1989 etwa erzielte allein die Filiale Nizza Einnahmen von 1,75 Millionen Franken.

Zerstörte Akten

In jenem Jahr nahm die Affäre ihren Anfang. Ein "übermüdeter" Arzt hatte sich bei den Scientologen für eine Behandlung eingeschrieben und einen Check über 33 150 Franken ausgestellt. Er erhob danach Klage wegen Betrugs. Andere Kläger folgten, doch die meisten zogen sich, verängstigt durch die Drohungen der "Kirche", wieder zurück. Heute treten lediglich zwei Personen als Zivilkläger auf. Eine davon ist ein junger Mann, der seinerzeit zum lokalen Scientologen-Stab gehört hatte und somit den inneren Mechanismus kennt.

Die Scientologen haben bisher alles unternommen, um den Prozess zu sabotieren. 1995 musste ein erster Anlauf wegen Verfahrensmängeln abgebrochen werden. Vor dem zweiten Anlauf fuhren sie gegen die Gerichtspersonen mit reichlich grobem Geschütz auf; ausserdem kam ihnen ein peinlicher Vorfall zu Hilfe: Vor zwei Wochen wurde öffentlich bekannt, dass ein Teil der Prozessakten vernichtet worden sind. Da haben die Anhänger der Sekte offenbar die Justiz infiltriert, wurde sofort vermutet. Eine Untersuchung des Justizministeriums ergab, dass die Akten verwechselt und fälschlicherweise entsorgt worden sind. Die Verteidigung nahm den Vorfall zum Anlass, erneut die Verschiebung der Verhandlungen zu beantragen. Wie auch immer, diese dürften ausserordentlich mühsam werden.

Laut einem Parlamentsbericht zählt Scientology in Frankreich rund 10 000 Anhänger, verbucht jährliche Einnahmen von mindestens 15 Millionen Franken und verfügt über fünf "Kirchen", eine Buchhandlung, verschiedene Vereinigungen und 114 Unternehmen. Es gibt zahlreiche Hinweise auf Infiltrationen. In einem Pariser Gerichtsfall sind ebenfalls Akten auf unerklärliche Weise verschwunden.

Verbieten, auflösen oder was?

Abklärungen im Justizpalast haben ergeben, dass vier oder fünf der 600 Gerichtspersonen Sekten angehören, die als gefährlich eingestuft sind. Der Vorsitzende des interministeriellen Antisektenkomitees, Alain Vivien, erklärte unlängst in einem "Figaro"-Interview: "Man sagt, ohne dass dies je dementiert worden wäre, es sei den Scientologen gelungen, das Kabinett eines ehemaligen Staatspräsidenten zu infiltrieren. Man spricht auch von Infiltrationsversuchen in die Leitung der Rüstungsbürokratie . . ." Vivien bezeichnet Scientology als totalitäre Bewegung, die versucht, eine Elite zu installieren, die über den Rest der Menschheit, die "glücklichen Sklaven", wie sie "Kirchen"-Gründer Ron Hubbard bezeichnete, regieren soll.

Für den französischen Staat ist es relativ heikel, in dieser Materie Weichen zu stellen. Die strikte Trennung zwischen Staat und Kirche ist ein Grundprinzip. Das zentrale Gesetz von 1905 über den Laizismus schützt alle Glaubensrichtungen - unter der Voraussetzung allerdings, dass diese die öffentliche Ordnung respektieren. Das Sektenwesen kann der Staat also nicht generell reglementieren. Aber er kann jene Organisationen auflösen, die gefährlich sind. Zu denen zählt Vivien sowohl die Scientologen wie auch den Sonnentemplerorden. Und er kann, wie Juristen betonen, jene Akteure hart anfassen, die die Unwissenheit oder Schwäche von Menschen missbrauchen. So ist jetzt alles gespannt, ob und wie die sieben Angeklagten in Marseille bestraft werden.
 
 



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