Bernhard Brünjes:
Sekten – Wie erkennt man
Anwerbungsversuche?
und
Soll man alles glauben,
was versprochen wird?
Ich habe mir erlaubt, eine Drittelung meiner
Ausführungen vorzunehmen.
Der erste Teil soll einige grundsätzliche
Gedanken beinhalten, im zweiten Teil komme ich dann auf beispielhafte Anwerbungsversuche
und im dritten Teil soll in Form eines „Brain Storming“ die zu kritisierenden
Aspekte religiöser und psychologischer Angebote dargelegt werden.
In einem Anhang möchte ich dann noch auf das Thema „Ausstieg“ eingehen.
Dem menschlichen Bewußtsein sind
Willkür, Ungewißheit und Unordnung in größerem Maße
unangenehm.
Deshalb ist Wandel überall
auf der Welt zu einem verheißungsvollem Schlagwort geworden.
Die Frage ist allerdings, in welche Richtung
der Wandel erfolgen soll und wie soll er erfolgen?
Einerseits gibt es diejenigen, die zu
alten Formen zurückkehren wollen, die bisher die Welt - jedenfalls
ihre Welt - zusammengehalten haben, andererseits wird die Notwendigkeit
von etwas Neuem - der Ruf nach einer neuen Weltordnung - erkannt und apostrophiert.
Der Mensch merkt, weil kreativ tätig, dass ursprüngliche Ziele
nur selten dieselben bleiben. Daraus folgt, dass bei der Bemühung
um etwas Neues der eingeschlagene Weg einen großen Einfluss auf das
Ergebnis hat.
So kommt es bei einer Neukonstruktuierung
der gesellschaftlichen Bereiche auch zu einer Neukonstruktuierung der Machtverhältnisse.
Wird eine neue Ordnung auf autoritärem
Weg erreicht, können alle Ergebnisse ebenfalls nur autoritär
sein.
Wodurch ein Prozess autoritär wird,
ist nicht immer offensichtlich, denn Autoritatismus ist in Werte, Traditionen,
Rechte und Privilegien versteckt.
Manchmal wird argumentiert, dass autoritäre
Hierarchien in die menschliche Rasse eingebaut seien, wie z.B. bei anderen
Lebewesen Dominanz und Unterordnung fixiert ist.
Viele Menschen sind sich schon immer, wenn auch aus verschiedensten Motivationen heraus einig, dass das Leben, vor allem das menschliche, auf dem Spiel steht. Die technische Intelligenz hat unsere Macht so enorm vergrößert, dass die Menschheit sich selbst bedroht.
So waren es in der Vergangenheit, wie auch heute die Religionen, die Ordnung und Gewißheit in die unsichersten und wahrscheinlich auch entscheidensten Facetten des Lebens brachten.
Woher kommt das Leben und wohin geht es? Wie soll ich mich anderen gegenüber verhalten? Was ist wirklich wichtig?
Die Hoffnung auf ein besseres Leben, in
dem man weder körperlichen noch seelischen Schmerzen ausgesetzt ist
und der Wunsch nach einem harmonischen Dasein beflügeln seit Jahrhunderten
die Menschen in ihrer Vorstellungskraft.
Fehlender Lebenssinn, innere Leere, mangelnde
Geborgenheit oder auch Überbehütung, ein Leidensdruck nach traumatischen
Erlebnissen machen die Suchenden zu Süchtige.
Sie sind von der Idee besessen, die seelischen
Schmerzen zu überwinden und Erfüllung zu finden.
Gefördert wird die Sehnsucht durch
den Zerfall der sozialen Normen und die vielfältigen Bedrohungen,
die die moderne Zivilisation kennzeichnen.
Fast zwangläufig ist das Ergebnis,
dass vielen Menschen die traditionellen Religionen zu eng erscheinen und
sie sich existierenden Sekten und sektiererischen Gruppen anschließen.
Die Sekte ist deshalb in den Augen vieler
Suchender die perfekte Familie.
Dem realitätsbezogenen und realitätsbewußten
Mitmenschen erscheinen die Heilsvorstellungen vieler sektiererischer Gruppierungen
zwar unerklärlich und trotzdem bewirkt auch hier die im Unterwußtsein
schlummernde Paradiesesvision, gerade in Krisensituationen, den Wunsch
nach einer übernatürlichen Kraft, die das Rad der Zeit zurückdrehen
und die Weichen neu stellen kann.
Die Sehnsucht an der göttlichen Macht
teilhaben zu können oder unter einer direkten Schutzherrschaft zu
stehen, gehört zu den Urbedürfnissen des Menschen.
Die Sektierer verstehen es meisterhaft, diese tiefenpsychologischen Mechanismen für ihre Ziele zu nutzen.
Bevor ich weiter in die Thematik einsteige,
möchte ich versuchen, den schon des öfteren gefallenen Begriff
Sekte
zu definieren:
Was sind eigentlich Sekten?
Die Mehrheit der Menschen leben im Alltag
ohne einen engen Bezug zu einer Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft.
Eine wachsende Minderheit orientiert sich
aber an der Vielfalt der Traditionen und Heilslehren aus aller Welt, die
bei uns in spirituellen Bewegungen, in kleinen Gemeinschaften und auch
in Sekten organisiert sind.
Es ist gerade die weltanschauliche Gleichgültigkeit
der Mehrheit, die fremden, seltsamen und leider auch fanatischen oder abseitigen
Gemeinschaften in unserer Gesellschaft Raum bietet.
Das Wort Sekte leitet sich von dem lateinischen secta (Richtung, Richtlinie) und dem Substantiv zum Verb sequi (folgen) ab. Die häufig zu findende Ableitung vom lateinischen secare (abschneiden) ist nicht richtig.
Schon in frühchristlicher Zeit wird
Sektierertum von der christlichen Kirche mit Verirrung oder Abfall vom
rechten Glauben gleichgesetzt, obwohl das Wort ursprünglich neutral
gemeint ist und die Gruppen nicht bewerten soll.
In der Religionswissenschaft wird das
Wort Sekte bis heute neutral benutzt.
Eine Sekte steht als Minderheit mit abweichender
Lehre und/oder Praxis einer Religion gegenüber, von der sie sich getrennt
hat, d.h. die Sekte wird von der „Mutterreligion“ her definiert; es gibt
jüdische, christliche, muslemische, hinduistische, buddhistische Sekten.
Kaum eine Sekte sieht sich aber als Sekte.
Es geht in den Sekten - wie in jeder Religion
- um das Heil, um die Wahrheit und um den rechten Weg.
Solche Gemeinschaften laufen allerdings
Gefahr, mehr gegen etwas zu sein, ihre Ablehnungen und Feindschaften
werden wichtiger genommen als ihre Hoffnungen und Ziele.
Und wenn Gegnerschaft gegen Bestehendes
die ideellen Antriebe überwuchert, wenn die Machtansprüche der
Führung sich stärker auf Feindbilder stützt anstatt auf
Zustimmung der Anhänger zu positiven Zielen, dann ist die Entwicklung
zum Sektierertum gekennzeichnet.
Die meisten Zentren und Gruppen dieser
Szene haben aber keine sektiererische Struktur.
Es handelt sich eher um eine Art mentaler
Supermarkt, in die Anhänger als Kunden oder höchstens als
Klienten auftreten.
Die Angebote sind teilweise bizarr genug,
um bei dem „Kunden“ schwere Schäden anzurichten (z.b. wenn man angeblichen
außerirdischen Intelligenzen seine Sorgen vortragen darf).
Abseitige Ideen und Praktiken, auch die
Schädigung von Menschen machen aber noch keine Sekte aus.
Sektiererisch wird es erst, wenn die abseitigen
Lehren, inakzeptable Praktiken im Rahmen einer sozialen Eigenwelt und geschlossener
Struktur Gestalt annehmen.
Ohne soziale Organisationsform und sozialem
Eigenleben wird die sektiererische Mentalität zu einer bloßen
Spinnerei, Enge, Rechthaberei und Verbissenheit.
Aber sozial engagiert und in einer Gruppennorm
gewinnen diese Eigenschaften eine gefährliche Dynamik. (s. auch http://www.AGPF.de/begriff.htm)
Der Sektenbegriff sollte deshalb möglichst
differenziert verwendet werden.
Wenn er überstrapaziert wird, verliert
er an Aussagekraft. Gerade wenn die Auseinandersetzung mit; und die Aufklärung
über totalitäre Gruppen beginnt, kann einzig und allein eine
präzise Darstellung Glaubwürdigkeit vermitteln und die Öffentlichkeit
sensibilisieren.
Nichts ist für eine vereinnahmende
Gruppe einfacher, ihre Anhänger gegen Kritik zu immunisieren, als
das man auf schlecht recherchierte Berichte zurückgreifen kann.
Im englischsprachigen Raum hat sich der
Sammelbegriff „destructive cult“ wörtlich übersetzt mit
„zerstörerischer Kult“ durchgesetzt. Dieser Begriff lässt
sich für die meisten Gruppen mit vereinnahmenden oder totalitären
Tendenzen anwenden.
Wesentlich treffender würde die Übersetzung
in die deutsche Sprache mit dem Begriff „selbstzerstörerisch“
sein.
In unserem freiheitlichen Rechtsstaat wirkt sich die demokratische Gesellschaftsform in der Weise aus, dass der Einzelne seine grundlegenden moralischen und ethnischen Werte teilweise auch radikal verwirklichen kann.
Ein großes Konfliktpotential bilden
Gruppen, deren Menschen- und Gesellschaftsbild im grundsätzlichen
Gegensatz zu der Werteorientierung der demokratischen Verfassung steht.
Solche Gruppen sind gekennzeichnet durch
eine hierarchische und autoritäre Struktur.
Bewußte Isolation innerhalb der
Gesellschaft, Rückzug in die Innerlichkeit, selbst- und fremdaggressiver
Fanatismus im Durchsetzen der Heilslehre, Ablehnung rationalen Denkens
müssen in diesem Zusammenhang als gefährliche ideologische Auswüchse
angesehen werden.
Totalitäres Gebaren nach innen und
ein militantes Freund-Feind-Denken nach außen ist geeignet, den Grundkonsens
in einem demokratischen Gemeinwesen zu beeinträchtigen.
Es erstaunt immer wieder, dass Menschen
wie in einem Blindflug exakt die Gruppe finden, die vordergründig
zu ihnen passt und die eine Lösung aller Probleme anzubieten scheint.
Wenn man in eine neue religiöse
oder ideologische Gemeinschaft (NRG) eintritt, um innerseelische Konflikte
zu überwinden, tauscht man allerdings in der Regel nur kurzfristige
gegen langfristige Probleme aus.
Die überstarke Identifikation mit
der Gruppe geht auf Kosten der eigenen Persönlichkeit.
Wird sie - die eigene Persönlichkeit
- künstlich gestützt, kann sie sich nicht von innen heraus festigen.
Es kommt zur Entfremdung von den eigenen
Ideen, Wahrnehmungen und Gefühlen zu Gunsten der Gruppeneinflüsse,
bis hin zur Entfremdung vom eigenen Körper. Es ist bis zu einem gewissen
Grad normal, dass wir unsere eigenen Wahrnehmungen durch soziale Bestätigung
überprüfen.
Aber die Fähigkeit, auf andere zu
hören, muss im Gleichgewicht stehen zu der Fähigkeit, auf sich
selbst zu hören.
Die Aufmerksamkeit für die Signale
aus der Gruppe darf nicht die Aufmerksamkeit für die eigenen Ideen,
Gefühle und Körpersignale blockieren.Wenn die Gemeinschaft idealisiert
wird, oder die Leitfigur idealisiert wird, geht das Gleichgewicht von Selbstbewußtsein
und Gemeinschaftsbewußtsein verloren.
Viele Extremgruppen wissen, dass ihr Missionserfolg
davon abhängt, wie ihre Gemeinschaft bei ersten Kontakten wirkt. Sie
machen gezielte Anstrengungen, um den anzuwerbenden Menschen ein möglichst
positives Gruppenerlebnis zu bieten.
Bekannt geworden ist das „Love Bombing“
(mit Liebe bombardieren).
Oft merken die Menschen zu spät - wenn überhaupt - dass sie Opfer ihrer eigenen Neugier geworden sind.
Von daher tritt die Gruppe mit dem Gehabe
größter Selbstsicherheit dem Interessierten entgegen. Es wird
Wert darauf gelegt, dass in keiner Form Kritik, Selbstkritik oder Unsicherheit
in Erscheinung treten.
Das Geistige wird auf einen sehr engen
Horizont herabgesetzt, der sich auf das Leben in der Gruppe begrenzt, was
eine Einengung des Bewußtseins und der Wahrnehmung zur Folge hat.
Kritisches Informationsmaterial wird
nicht mehr wahrgenommen.
Das Selbstbewußtsein und das Selbstwertgefühl
der Betroffenen wird fundamental erschüttert.
Verkürzte Schlafzeiten, lange Arbeitszeiten
und unzureichende Ernährung sind Faktoren, die bewußt eingesetzt
werden, um auf die Betroffenen effektiver Einfluss nehmen zu können.
Systematische Angriffe auf bisherige Werte
und Orientierungshilfen erzeugen Verunsicherung. Traditionelle Bildungsquellen
werden verteufelt.
Von den Eltern, anderen Bezugspersonen
und führenden Persönlichkeiten der Gesellschaft wird ein negatives
Bild gezeichnet.
Die Beziehungen zu Eltern, Freunden usw.
sollen abgebrochen werden, weil sie der Sache nicht dienlich sind.
Sehr intensives Einhämmern einer
einzigen Lehre und ununterbrochenes Fesseln der Aufmerksamkeit bewirkt
ein Schwinden des eigenen Denkens und Urteilens.
Die Beziehungen ausserhalb der Gruppe
sind feindlich zu sehen, sie müssen gemieden werden oder nur in der
Weise benutzt werden, dass sie dem Leben in der Gruppe Vorteile bringen.
(http://www.AGPF.de/siebel08.htm)
Das Ziel dieser gedanklichen Umerziehung
ist die vollständige Anpassung an die Gruppe durch eine neue Identifikation.
Die so entstandene Abhängigkeit verpflichtet
zu absolutem Gehorsam gegenüber den autoritären Anweisungen der
Gruppe.
Mit der Bewußtseinskontrolle
wird die Identität - das authentische Ich - wie eigenes Denken, Verhalten,
Fühlen und Überzeugungen zerbrochen; und durch ein System von
Fremdeinflüssen wird eine neue Identität - die Sektenidentität
- geschaffen.
Die neue Identität überlagert
die „alte“ Persönlichkeit und geht mit dem Verlust des Gefühls
für sich selbst einher.
Dabei sind die Sektierer in der Lage,
ihre Methoden der spezifisch psychologischen Befindlichkeit einer Person
anzupassen – mit Täuschung, raffinierter begrifflicher Besetzung der
Sprache, Angstindoktrination.
Der Führer, Meister oder Guru muss
sicher sein können, dass die Sektenidentität stark genug ist,
denn so bald wie möglich muss man für den Missionsdienst tätig
sein können. Nichts bestärkt die eigene Überzeugung mehr,
als der Versuch andere Menschen zu missionieren.
Dadurch wird die Sektenidentität
sehr schnell verfestigt und das Opfer macht wieder andere zu Opfern - das
destruktive System funktioniert und wird aufrecht erhalten.
Ich komme nun zu dem Aspekt „Wie erkennt man Anwerbungsversuche?“
An vier Beispielen will ich versuchen, ein wenig Aufklärung zu vermitteln:
Sie lesen z.B. den Weser Kurier vom 29.Mai 1999 und finden dort den Artikel „Handeln nach Naturgesetzen - Blum setzt auf Frieden und Erfolg statt Frustration und Aggression“.
In diesem Artikel ist eine Wahlaussage der Naturgesetz-Partei wiedergegeben. Kernaussage ist die Schaffung von Frieden, die Einsetzung für Gesundheit und Wohlstand.
Diese hehren Ziele, an deren Zustandekommen jeder ein berechtigtes Interesse haben müßte, bedarf nur noch des Einsatzes des Einzelnen.
Nirgends ist erklärt, dass die Naturgesetz-Partei der politische Ableger der sehr problemreich auftretenden Transzendentale Meditation-Bewegung des Maharishi Mahesh Yogi ist. (http://www.AGPF.de/tm1.htm)
Die TM-Bewegung will eine wissenschaftliche
Methode zur Veränderung der Welt verbreiten, von der Medizin
bis zum Strafvollzug, vom persönlichen Wohlbefinden bis zur großen
Politik.
An der Spitze der TM-Bewegung steht eine
„Weltregierung des Zeitalters der Erleuchtung“ deren „Weltresidenz“
sich in der Nähe von Neu Delhi/Indien befindet. Die europäische
Zentrale ist in Vlodrop/Niederlande. Die deutsche „Nationale Residenz der
Weltregierung des Zeitalters der Erleuchtung“ befindet sich in Schledehausen.
Die örtlichen Zentren tragen unterschiedliche
Namen - wie TM-Center, Lehrinstitut für Transzendentale Meditation,
Maharishi Akademie für vedische Wissenschaft, Maharishi-Kolleg für
Naturgesetze, Maharishi Ayurveda Gesundheitszentrum, Akademie für
Persönlichkeitsentfaltung.
Die TM-Zentren verbreiten seit geraumer
Zeit den „Weltplan“. Ziel ist es, wenigstens 1% der Bevölkerung
in jedem Land für die TM zu gewinnen, weil dann die Quantität
in Qualität umschlage.
Die Gesellschaft im Zeitalter der Erleuchtung wird durch die Entwicklung von Selbstgenügsamkeit charakterisiert, die zur Unbesiegbarkeit in einem natürlichen Zustand von Ausgeglichenheit und Ordnung führt. In diesem Zustand werden alle Handlungen von den Naturgesetzen unterstützt.Eine Regierung im Zeitalter der Erleuchtung stellt man sich wie folgt vor:
Negative Tendenzen wie Krankheiten, Verbrechen, Unruhen, Alkoholismus und andere schwächende Gewohnheiten werden verschwinden.
Die Tendenz des gesellschaftlichen Lebens ist ganz spontan positiv, fortschrittlich und erfüllend.
Die Regierung in jedem Land ist eine allmächtige Organisation. Ihre Mitglieder sind die fähigsten Köpfe des Landes. Sie kontrollieren das gesamte wirtschaftliche Potential der Nation und hat unbegrenzte Autorität. Sie kann alles tun, um die Würde und den Fortschritt des Landes aufrechtzuerhalten.
Und wie sieht die Maharishi-erleuchtete
Gesellschaft aus?
Es gibt keinen Platz und wird nie einen geben für den Schwachen. Der Starke wird führen und wenn der Schwache nicht folgen will, gibt es keinen Platz für ihn...Im Zeitalter der Erleuchtung gibt es keinen Platz für unwissende Leute...Die Nichtexistenz des Schwachen ist immer das Gesetz der Natur gewesen.
Vielleicht werden aber die Fragen nach
dem woher, wer bin ich, wie geht es weiter, was ist wirklich wichtig, durch
das folgende Angebot beantwortet:
„Die Universität der göttlichen Weisheit“ Die Schule der Selbsterfahrung. Dazu laden Urchristen am 5.3.2000 in die Kosmische Lebensschule...ein. Eintritt frei.
„Der Allgeist, Gott, spricht unmittelbar
durch seine Prophetin in unsere Zeit“. Dazu laden Urchristen am 7.3.2000
in die Kosmische Lebensschule...ein. Eintritt frei.
(Diese Anzeigen wurden am 3.März
2000 im Weser Kurier veröffentlicht.)
Nimmt man dieses Angebot wahr, ist man
bei einer Sekte dem – Universellen Leben / Heimholungswerk Jesu Christi
– der Gabriele Wittek gelandet.
(http://www.AGPF.de/wittek1.htm)
1980 wurde die Innere Geist-Christus-Kirche e.V. gegründet, um lt. Satzung positive Kräfte dieser Welt zu sammeln. Das soll erreicht werden, durch Förderung der religiösen Erneuerung auf urchristlicher Grundlage, vor allem Verbreitung von esoterisch-geistigem Wissen, Vorträgen und Schriften; Förderung der Völkerverständigung; geistige Hilfe für gefährdete und in Not geratene Menschen.
Eine besondere Vision wurde von Gabriele
Wittek 1983 vorgetragen:
Eine „Weltreligion Jesu Christi“ bzw.
„Innere Religion“ und ein „Weltreich Jesu Christi“ sollte entstehen. Diese
Schrift kann als Grundsatzerklärung angesehen werden. Es werden aufgelistet:
Meditationskurse und Jugendmeditation, der „Innere Weg zu Gott“, Offenbarungen, die „Innere Geist-Christus-Kirche“, persönliche Vorträge, Seminare, Urchristliches Heilen, Bauernhöfe, Gnadenstätten, selbstloses christliches Wirken, Handwerksbetriebe, Christus-Läden, Kindergärten und Kinderhorte, Christus-Schulen, Christus-Kliniken (Naturheilzentren), Altenheime, Lebensberatung, vegetarische Restaurants.
Das Reich der Gabriele Wittek zeigt
sich heute als eine totalitäre Organisation. Alle Bereiche des Lebens
werden organisiert. Aktivitäten außerhalb der Gemeinde und Wohngemeinschaft
sind nicht erwünscht.
Wer Glied der „Gemeinde“ werden will,
muss sich schriftlich verpflichten, das Leben der Gemeinde nicht durch
eigenmächtige Initiativen oder durch menschliche Wünsche, die
seinen Nächsten beeinträchtigen, zu stören. Als „eigenmächtige“
Aktivitäten werden in diesem Kodex fast nur wirtschaftliche Betätigungen,
wie das Betreiben eines Handwerks, Führen einer Praxis usw. aufgelistet.
Im Mittelpunkt steht also die Hinführung aller Interessenten zur Arbeit
in den verschiedenen zur Gruppe gehörenden Betriebe (Christus-Betriebe).
Aus dem Namen einer Einrichtung läßt
sich nicht unbedingt auf bestimmte Verfahren oder Schwerpunkte zu deren
Dienstleistungsangebot schließen.
Die Namensgebung ist willkürlich
und dient in erster Linie dazu, die jeweilige Einrichtung als der Esoterik-
bzw. Alternativheilerszene zugehörend auszuweisen.
Häufig leiht man sich Begriffe aus
dem Hochschulbereich wie „Institut“, „Seminar“ oder „Akademie“, um ein
vermeintlich höheres Niveau zu suggerieren. Der Hinweis auf wissenschaftliche
oder wissenschaftsähnliche Arbeit dient ebenfalls nur dem Kundenfang.
In der Mehrzahl sind die Einrichtungen der Esoterikszene als privatwirtschaftliche Unternehmen organisiert, vielfach auch als eingetragene Vereine oder als sonstige rechtskräftige Körperschaften. Viele lassen jedoch jegliche Rechtsfähigkeit vermissen, sie erscheinen unter abenteuerlichen Namen auf der Bildfläche und verschwinden ebenso schnell wieder.
Wochenende für Wochenende werden Workshops,
Seminare und Meditations-Veranstaltun-
gen angeboten und wahrgenommen.
Die euphorisierenden Rituale in den Workshop-Gruppen
begünstigen Suchttendenzen. Die massensuggestiven Erleuchtungsergebnisse
lassen die Hoffnung aufkommen, das rauschartige Glücksempfinden zu
konservieren und die Momente der übersinnlichen erkenntnisse in den
Alltag hinüberretten zu können. (siehe z.B. http://www.AGPF.de/Ravi-Shankar.htm)
Die Herstellung gemeinsamer Erfahrungen
über die Erzeugung veränderter Bewußtseinszustände
durch Meditation, ist ein wichtiges Medium für eine Gruppenbindung.
So kann die Ausübung von Meditationstechniken im Zusammenhang mit
der Sektenwerbung genutzt werden.
Heilsversprechungen für die Errettung
der Welt erscheinen besonders dann gravierend, wenn psychisch labile oder
psychiatrisch Auffällige mittels Meditationstechniken damit konfrontiert
werden. Es können Wahrnehmungsveränderungen und Depersonalisationserscheinungen
auftreten. So besteht die Möglichkeit, während der Meditation
manipulativ einzugreifen, Ideen der Sekte zu implementieren und die Hingabe
an den Sektenführer anzubahnen.
Die Wahrnehmungseinschränkungen während
der Meditation können gleichzeitig zu einer Einschränkung des
kritischen Denkens führen.
Ein weiterer Anbieter in diesem Marktsegment
ist der Troubadour-Märchenzentrum e.V.
Das Troubadour-Märchenzentrum und
Freie Bildungsstätte hat seinen Sitz in Vlotho/Valdorf.
(http://www.AGPF.de/troubadour.htm)
Mit Hilfe der Märchen meditiert man
gegen eine kollektive mentale Verwahrlosung und sucht Hilfe bei Meinungslöchern
und Individualkrisen.
Märchentherapeuten verstehen
ihre „Therapie“ dann auch als einen heiligen Dienst am Menschen und
eine Pflege von Seele und Geist.
Ausgebildete Märchentherapeuten haben eine vollständige und fundierte Troubadour-Ausbildung absolviert. Sie verpflichten sich zur Supervision und jährlichen Weiterbildungen und halten die ethischen Grundsätze ein. Sie sind von uns autorisiert, diesen Beruf auszuüben.
Sie sind ausgebildet in Märchentherapie, Lichtmassage, Fuß-und Handlichtmassage, Ton-Licht-Massage, Märchen-therapeutischem Gespräch, Klärungen von Geburt, Klärung der Beziehungen und der Emotionen, Chakrenbehandlung, Märchen-und Licht-Kur, Märchen- und Licht-Seminar, Seminar Zyklus „Der königliche Schulungsweg“, Training für märchenhafte Liebesbeziehungen und anderes mehr.
Vielleicht in diesem Zusammenhang noch
ein Wort von Grom zu der allseits angekündigten, erlernbaren und ausgelebten
Spiritualität:
Es nimmt nicht Wunder, wenn ähnlich
dem Wort Mystik auch der Begriff Spiritualität im Umfeld der „neuen
Religiosität“ geradezu inflationär verwendet wird. Hier ist der
ursprüngliche christliche Kontext ausgeblendet. Spiritualität
bzw. spirituelle Transformation ist vielfach zum Schlüsselwort der
„sanften Verschwörung des New-Age oder Wassermannzeitalters“ geworden.
Im Angebot der „spirituellen Wege“ herrscht eine gewisse Wahllosigkeit.
Alles denkbar mögliche firmiert unter dem Namen Spiritualität.
Als Fazit bleibt festzuhalten:
Zur Zeit boomen vor allem pseudo-therapeutische
Verfahren. Versprochen wird, das Mängelexemplar Durchschnittsmensch
zu einem vollkommenen und glücklichen Menschen „hochzutherapieren“.
Diese verschleierten Formen der Selbsterlösung,
die die nüchternen Ansprüche seriöser Therapien weit hinter
sich lassen, kommen dem Zeitgeist offensichtlich am meisten entgegen.
Zum Ende meiner Ausführungen möchte ich noch einmal in Form eines „Brain-Stormings“ die zu kritisierenden Aspekte religiöser, weltanschaulicher und psychologischer Angebote darlegen:
Es wird eine Führergestalt
angeboten, welche Probleme des suchenden Menschen lösen könne.
Es kann eine lebende Figur sein, oder
aber eine Philosophie oder Methode, die angeboten wird.
Die Führerfigur kann außerirdischer
Herkunft sein, oder unpersönlich als kosmische Energie verstanden
werden, die durch ein Medium übermittelt wird.
Die Führergestalt, die Gruppe, die
Methode besitzt das rettende Rezept und beansprucht absoluten
Gehorsam oder entscheidet über die Vergabe der heilenden Energie.
Schwierigkeiten und Nöte werden immer
dem Suchenden angelastet, mit der Begründung: Er hat sich zu wenig
geöffnet, ist noch nicht weit genug usw.. Das rettende und heilende
Prinzip wird jedoch niemals in Zweifel gezogen.
Die positive Erfahrung wird in der Gruppe
gemacht. Man muss lernen, sich vermehrt in der Gruppe zu bewähren.
Die Problemlösung kann man als
Einzelner kaum für sich in Anspruch nehmen.
In der Gruppe herrscht ein ausgesprochenes
missionarisches
Bewußtsein.
Die Mitglieder fühlen sich zu hohen
Zielen auserwählt.
Sie missionieren aktiv, oder auch passiv
indem sie die Anschauung des suchenden Menschen abwerten.
Das Bewußtsein, in der eigenen Gruppe
das Heil, die heile Welt oder das Überleben in Ewigkeit gefunden zu
haben, trennt die Gruppe in ihrem Bewußtsein von der übrigen
Welt.
In der Gruppe herrscht Heil – außerhalb
ist das Unvollkommene, das Böse.
Das neurotische Festhalten am „Gerettetsein“
bedingt eine dualistische Weltsicht von Gut und Böse.
Sie lebt von der Beschreibung des „Bösen“
und den anderen Menschen als Sündenböcke.
Das höhere Ziel wird angestrebt durch
Unterwerfungstendenzen
unter die wahre und höhere Aufgabe.
Der Einsatz und die Aufrichtigkeit des
Suchenden wird daran gemessen, wie er die niedrigsten Arbeiten ohne Widerspruch
übernimmt und verrichtet.
Der Einsatz für das höhere Ziel
umfasst oft das ganze Leben und alle Zeit.
Voller Idealismus wird für die gute
Sache geworben.
Eine Eigenentwicklung des suchenden
Menschen wird nicht gefördert, meistens sogar behindert.
Kritik am internen Geschehen oder Austrittswünsche
werden mit psychischem Druck begegnet.
Dem Mitglied soll das Gefühl vermittelt
werden, zu glauben, gefunden zu haben wonach es schon immer gesucht hat.
Die materiellen Bedürfnisse werden
vor dem Hintergrund der ideellen Absicht gesehen.
Oft wird das ganze Vermögen in das
Unternehmen eingebracht, da eine materielle Verknüpfung als Behinderung
im geistigen Vorwärtskommen betrachtet wird.
Meditation und Techniken, die eigentlich die Persönlichkeit des Einzelnen stärken sollen, werden in der Gruppe vollzogen und damit der Kontrolle durch die Gruppe unterstellt.
Da die Lehren der Gruppe das wahre Wissen
darstellen, wird auf Kritik von Außen mit Ablehnung reagiert.
Durch permanente Beschäftigung mit
der Lehre bleibt kaum Zeit für andere Gedanken.
Familienangehörige, die den beschrittenen
„eigenen“ Weg nicht nachvollziehen können, werden als Gegner eingestuft.
Häufig wird der Abbruch des Kontaktes
zu den Angehörigen gefordert.
Die gefundene Lehre oder Weltanschauung
weist in eine bessere Zukunft.
Die Geschichte, die Vergangenheit wird
abgewertet und das bisherige Leben als sinnlos angesehen.
Abhängigkeiten entstehen verstärkt
bei suchenden Menschen - schneller als man sie selber zu erkennen vermag.
Eingeschränkte Wahrnehmungsfähigkeit
wird von dem Betroffenen meist nicht bemerkt.
Abhängigkeiten findet man nicht nur
in festen Gruppen und Religionsgemeinschaften, sondern eine Abhängigkeit
kann sich ebenso im Gebrauch esoterischer Angebote, okkulter Angebote oder
kosmischer Energie äußern.
Die Menschen sind ein Spiegelbild der Gesellschaft
zu der sie gehören.
Viele von ihnen müssen grundlegende
menschliche, seelische Bedürfnisse opfern, z.B. Freundschaften, Nähe,
Familie und Freizeit, um Erfolg zu haben.
Bei unserem stressbetonten Sozialgefüge
überrascht es nicht, dass Süchte, Abhängigkeiten und selbstzerstörerische
Gewohnheiten verbreitet sind.
In einer Welt, die, in der Ökologie,
Überbevölkerung, Verteilung der Ressourcen Verhaltens-
störungen aufweist, wundert es nicht,
dass auch der Einzelne mit seinen persönlichen Ressourcen selbstzerstörerisch
umgeht.
Es ist mehr als verständlich, dass
Menschen ein Leben ohne Sucht als trübe und hoffnungslos erleben.
Süchte bieten momentane Auswege und
Konkretes, egal ob es eine Aktivität oder eine Beziehungsform ist.
In einer als chaotisch empfundenen Welt
entsteht so eine seltsame Art von Stabilität, Trost und sogar Sicherheit.
Der Verzicht auf die Droge, mit all seinen
selbstzerstörerischen Aspekten erscheint gleichbedeutend mit der bedrohlichen
Rückkehr an den fast vergessenen Ort, dessen Ödheit, Isolation
und Sinnlosigkeit.
In allen Gesellschaften, die sich auf Produktion
und Besitzanhäufung berufen, wird Pflichterfüllung mehr geschätzt
als alles andere.
Unterschieden wird zwischen fleißig
und faul.
Fleiß bedeutet, dass wir produzieren,
Resultate erbringen.
Faulheit wird definiert als Verbringen
der Zeit mit etwas, das nichts Vorzeigbares erbringt.
Bei dieser Bewertung hat die Muße
ihren Wert verloren. Sie ist nur noch zeitweilige Belohnung für harte
Arbeit. Ihre Funktion ist hauptsächlich die Wiederherstellung der
Arbeitskraft.
Wenn Muße für das Wohlergehen
eines Menschen vergleichbar wichtig ist, wie Leistung und Produktivität,
dann überrascht es nicht, dass man sich mit selbstzerstörerischen
Aktivitäten befasst.
Solches Tun bietet einen zeitweiligen
Ausweg aus dem Leben, in dem Produktivität keine Freude bereitet,
sondern lediglich als Mittel für ein Überleben gesehen wird.
Wie sieht die Zukunft aus?
Wenn die Entfremdung in den verschiedenen
Lebensbereichen, die sozialen Ängste, die Desorientierung im geistigen
Leben und das Verlassenheitsgefühl nicht wirksam bekämpft werden
und die globale Bedrohungslage (nicht mehr als Kampf politischer Blöcke,
sondern als Kampf der Kulturen zu verstehen) sich nicht ändert, wird
der Nährboden für Sekten, destruktive Kulte und ähnliche
Organisationen immer fruchtbarer.
Immer wieder wird übersehen, dass
dogmatische, totalitäre und sektiererische Haltungen in einer kranken
und verletzten Seele wachsen.
Zur Abhängigkeit gehört also nicht nur das Angebot, sondern auch die Person, die aus mangelnder Eigenständigkeit und Persönlichkeitsentwicklung heraus eine bestimmte Abhängigkeit gebraucht
oder
Keiner tritt einer Sekte bei,
jeder verschiebt nur den Entschluss,
aus ihr auszutreten.
Anhang:
Oft heißt es, dass für denjenigen,
der in die Fänge einer destruktiven Gruppierung geraten ist, es kein
Entrinnen mehr gibt.
Durch permanente ideologische Beeinflussung
und Bewußtseinskontrolle wird der Proband dermaßen umgekrempelt,
dass ein Entrinnen aus der Gruppe nicht mehr möglich erscheint.
Trotzdem hat sich in den letzten Jahren die Ansicht manifestiert, dass für eine nicht unerhebliche Zahl - mehr als zwei Drittel - der Zugehörigen die Gruppe nicht als Endstation, sondern als Durchlauferhitzer gesehen werden muss. Durchlauferhitzer deswegen, weil die Menschen von ihrem Lebensweg abgezapft, für eine Zeitlang das Leben in der Gruppe durchlaufen und am Ende - wenn auch in einem veränderten Zustand - wieder ausgestoßen werden.
Es herrscht aber auch weitgehend Übereinstimmung
darüber, dass die Form eines Ausstiegs in drei Möglichkeiten
unterschieden werden kann:
1. Der freiwillige Ausstieg
ist Ergebnis eines längeren Entwicklungsprozesses.
Der Aussteiger
hat in der Regel genügend Zeit, seine Entscheidung zu überdenken,
Alternativen
zu erwägen und seinen Schritt rational zu begründen.
Der Ablösungsprozeß
beginnt in vielen Fällen schon nach kurzer Zeit, dann, wenn der
Gruppenalltag
im Leben des Neumitglieds Einzug erhält. Der anfängliche Enthusiasmus
verblaßt,
Zweifel schleichen sich ein und nehmen überhand.
2. Der zwangsweise Ausstieg
eines Mitglieds wird betrieben, weil etwa die Ausübung von
Kritik mit psychischer
Labilität gleichgesetzt wird.
Krankheit oder
finanzielle Schwierigkeiten sind ein weiterer Grund; aber auch störende
Einflüsse
von außen - die durch das Mitglied verursacht werden – können
zum Ausschluss
führen.
3. Bei einem von außen provozierten
Ausstieg wird das Mitglied in Auseinandersetzungen
verwickelt, mit
dem Ziel, ihn zu einer Neubewertung seiner Mitgliedschaft zu bewegen.
Dabei kommt es
vor allem auf die Überzeugungskraft der Argumente an, d.h. sie sollten
in
gesicherten,
nachweisbaren Informationen beruhen, aus seriösen Quellen stammen,
logisch und in
sich widerspruchsfrei präsentiert und mit persönlicher Glaubwürdigkeit
vor-
getragen werden.
Ein wichtiger
Aspekt für den Erfolg ist die Beziehung, die zwischen dem Sektenmitglied
und dem „Rausholer“
besteht.
Je intakter diese
Beziehung ist, desto wahrscheinlicher der Ausstieg.
Der Betroffene
muss sicher sein können, nach seinem Austritt nicht allein gelassen
zu sein,
sondern aufgefangen
zu werden – zumal es zu heftigen Reaktionen seitens des Betroffenen
kommen kann.
Nach dem erfolgreichen Ausstieg ist aber noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht.
Ich möchte nicht auf spezielle Probleme eingehen, sondern nur aufzeigen, welche möglichen Folgen es für den Aussteiger geben kann:
Einsamkeitsgefühle, Verlassenheitsängste,
Depressionen,
Schuldgefühle gegenüber den
Familienmitgliedern und früheren Freunden; aber auch gegenüber
den in der Gruppe Zurückgebliebenen,
Bezugsprobleme, Schwierigkeiten neue Kontakte
aufzubauen,
Orientierungsprobleme - wie geht es weiter?
-,
Schwierigkeiten oder gar Unfähigkeit,
eigene Entscheidungen zu treffen,
mit den Anforderungen des Alltags zurecht
zu kommen,
Bedrohungsgefühle, Angst vor der
Rache und Vergeltung der anderen Mitglieder; aber auch aufgrund der verinnerlichten
Ideologie – Angst vor der Strafe Gottes, dem Satan, dem jüngsten Gericht,
vor Katastrophen, die der Abtrünnige zu verantworten hat,
Verlust von Selbstwertgefühl.
Es muss erkannt werden, dass ein Ausstieg
nicht nur ein großer Kraftakt ist, sondern auch ein existentieller
Spagat.
Er ist mit der Überwindung der Drogensucht
vergleichbar, wenn nicht gleichzusetzen.
Mitglieder totalitärer Gruppierungen
haben im Laufe der Monate und Jahre nicht nur die weltanschaulichen und
geistigen Wurzeln gekappt, sondern sich auch radikal von ihrer Umgebung
abgekapselt und sich ihr entfremdet.
Der Kontakt zur Familie ist abgebrochen
worden, der Lebenspartner verlassen, die Arbeitsstelle gekündigt und
die Lebensumstände umgekrempelt.
Damit ist der Weg zurück verschüttet!
Man muss sich bewußt werden, dass
der Ausstieg extrem schmerzhaft ist.
Oft geht der letzte Rest des Selbstwertgefühls
verloren, denn der Aussteiger muss seinen fundamentalen Irrtum eingestehen
und die bittere Erkenntnis aushalten, selbstgerecht ihm nahestehende Personen
verdammt zu haben.
In dieser Phase muss der Resozialisationsprozeß, nach Möglichkeit mit allen der zur Verfügung stehenden Angebote - in Form einer seriösen Beratung und eventuell einer Therapie - unterstützt werden, denn unmittelbar nach dem Ausstieg stellt sich der Zustand des Treibens zwischen zwei Welten ein - der Gruppenrealität und der gesellschaftlichen Realität.
Die Welt der Sekte bietet dem Aussteiger
keine Heimat mehr.
Der neuen/alten gesellschaftlichen Wirklichkeit,
die ursprünglich Anlass für den Eintritt in die Gruppe war, kann
nach wie vor keine positive Seite abgewonnen werden.
Selbst findet der Aussteiger - wie
ein Geist in einem Gruselfilm - keine Ruhe, er pendelt hin und her und
irritiert damit sich selbst und seine Mitmenschen.
In dieser Zeit werden alle Stadien der
Wut, des Hasses, der Verzweiflung, des Traumes, der Enttäuschung usw.
durchlebt.
Zielstrebige Unterstützung wird dem
Aussteiger anzudienen sein, um bewußt und aktiv den Wiedereintritt
in die gesellschaftlichen Strukturen zu vollziehen.
Beratung und eine eventuelle Therapie
sollten vorwiegend ihre Aufgabe darin sehen, dem Aussteiger bei seinen
ersten Gehversuchen in unbekanntem bzw. fremd gewordenem Terrain wohlwollend
zu begleiten.
Wichtige Bedingungen sind hier aber
das Erkennen der Freiwilligkeit des Aussteigers und die akzeptierende und
nicht bewertende Haltung des Beraters.
Für eine effektive Beratung von Sektenaussteigern,
die aufgrund der Indoktrination in der Gruppierung oft sehr misstrauisch
gegenüber anderen Menschen sind, sich als unverstandene und nicht
ernstgenommene Aussenseiter fühlen, bedarf absolut detaillierter Kenntnisse
über die Gruppierung durch den Berater und eventuell im Rahmen einer
Kooperation mit einem Therapeuten auch dessen sektenspezifische Kompetenz.
Quellennachweis:
Fachtagung.
Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP)
„Psychomarkt - Sekten - Destruktive Kulte“
1994
Werner Gross:
Kriterien zur Beurteilung von Destruktiven
Kulten
Hansjörg Hemminger:
UNTERSCHEIDUNG –Was ist eine Sekte?
Hansjörg Hemminger:
Aktuelle Trends auf dem Sekten- und Psychomarkt
Colin Goldner:
Die Psychoszene
Gabriele Niebel/Reiner Hanewinkel:
Gutachten über Meditationstechniken
Steven Hassan:
Ausbruch aus dem Bann der Sekten –Psychologische
Beratung für Betroffene und Angehörige
Hugo Stamm:
Sekten -Im Bann von Sucht und Macht
Joel Kramer & Diana Alstad:
Die Guru Papers -Masken der Macht
Friedrich-Wilhelm Haack:
Transzendentale Meditation
Friedrich-Wilhelm Haack:
Gabriele Witteks „Universelles Leben“
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1998