Hansjörg
Hemminger:
Was ist eigentlich Aberglaube?
Aberglaube, das ist die Angst
vor einem Hotelzimmer mit der Nummer 13, das sind Zukunftsvorhersagen aus
den Karten, Glücksamulette aus dem okkulten Versandhandel und die
Neigung, beim nächsten Verkaufsgespräch wieder die gelbgestreifte
Krawatte zu tragen, mit der es beim letzten Mal geklappt hat. Die abergläubischen
Praktiken sind kaum zu zählen, und dazu sind sie wandelbar.
Einige Beispiele:
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Glückwünsche (Daumen
halten, toi, toi, toi, Hals und Beinbruch)
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Glücks- und Unglückstage
(Freitag, der 13., Mondphasen)
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Glücks- und Unglückszahlen
(zum Beispiel die 7 und die 13)
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Kettenbriefe (das Unterbrechen
der Kette soll Unglück bringen)
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Silvesterbräuche als Zukunftsvorhersage
(Bleigießen etc.)
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Namen und Bilder als Glücksbringer
(zum Beispiel für Schiffe, Rennpferde)
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Verhaltensrituale (auf die selbe
Weise morgens Aufstehen, als Fußballer mit dem linken Fuß den
Rasen betreten usw.)
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Vorzeichen und Orakel (zerbrechendes
Glas, Spiegel, Kaminkehrer kommt entgegen)
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Bibelstechen
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Kleidung und Wäschestücke
von erfolgreichen Menschen
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Pflanzen und Tiere als Glücksbringer
(vierblättriges Kleeblatt, Ferkel)
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Personen als Glücksbringer
(Kinder, Jungfrauen, Bucklige)
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Talismane, Amulette, Maskottchen
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Abwehrzeichen auf Türbalken
oder Schwelle (Pentagramm, Drudenfuß),
Worin liegt die Gemeinsamkeit
der vielen abergläubischen“ Praktiken? In einem 1998 erschienenen
Lexikon heißt es kurz und bündig:
„Der Aberglaube ist subjektiv
und steht im Widerspruch zu besserem Wissen seiner Zeit sowie zu einem
mehrheitlich vertretenen Glauben und lässt sich meist auf Reste früherer
Glaubens- und Verhaltensregeln zurückführen.“
Das Wort Aberglaube bezeichnet
ein Verhältnis, das sich mit den Zeiten und Kulturen wandelt, nämlich
das Verhältnis zwischen dem gültigen und erprobten Denken einerseits,
und dem irrtümlichen oder gar verpönten Denken andererseits.
Das Wort Aberglaube kommt vom mittelhochdeutschen abergloube und bedeutet
wörtlich „falscher, entgegengesetzter Glaube“. Die altdeutsche Vorsilbe
afar steht für „über, zu viel“. Aberglaube ist Glaube an etwas
falsches, wie Aberwitz den falschen Anspruch bezeichnet, etwas zu wissen:
Wer witzig ist, trifft das richtige, wer aberwitzig ist, macht sich lächerlich.
Auf der anderen Seite stellt kein Wissen das letzte Wort in Sachen menschlicher
Erkenntnis dar. Jede Kultur hat nicht nur ihre spezifischen Einsichten,
sondern auch ihre spezifischen Irrtümer und Vorurteile – unsere nicht
ausgenommen. Außerdem ist unsere plurale und globalisierte Kultur
weltanschaulich nicht geschlossen. Es gibt nicht nur einen anerkannten
Wissens- und Ideenbestand, sondern miteinander um Geltung ringende Bestände.
Von daher hat sich das Spektrum des als „abergläubisch“ geltenden
in den letzten ein bis zwei Jahrzehnten verändert. Esoterische Praktiken,
die 1970 aus der Sicht der Mehrheit noch abergläubisch waren, werden
heute in vielen Kreisen akzeptiert. Frauen, die sich als Hexen bezeichnen,
schockieren in der Presse niemand mehr.
Allerdings macht auch diese
Entwicklung Unsinn nicht zu Sinn.
Ein Beispiel ist die Angst
vor Freitag, dem 13. Angeblich passieren an jedem 13. eines Monats, auf
den auch noch ein Freitag fällt, mehr Verkehrsunfälle als sonst.
Diese Meinung hält sich hartnäckig, obwohl die Statistik zeigt,
dass das (berücksichtigt man Verkehrsdichte und Wetter) nicht stimmt.
Falsch ist auch die Vermutung, dass der 13. besonders häufig ein Freitag
sei. Auf einen Freitag fällt die „13“ so oft oder so selten wie auf
jeden anderen Wochentag. Vielleicht entstand das Vorurteil gegen die 13
im Mittelalter, weil beim Letzten Abendmahl dreizehn Personen - Jesus und
die Zwölf Apostel - zugegen waren. Denn die 12 galt in alten Hochkulturen
als heilige Zahl, als Vollzahl und Symbol der Vollkommenheit. Entsprechend
den zwölf Tierkreiszeichen teilte man das Jahr in zwölf Monate,
den Tag in zweimal zwölf Stunden. In der Bibel stehen die zwölf
Stämme Israels symbolisch für den heiligen Bund des Volks mit
Gott, die zwölf Jünger Jesu folglich für den durch ihn gestifteten
Neuen Bund. Wurde die Zahl zwölf überschritten, konnte es nicht
mehr mit rechten Dingen zugehen. Eine andere Theorie hängt mit der
früheren Verbreitung des Kartenspielens zusammen. Ein Spiel bestand
aus vier Farben zu je 13 Karten. Verteilte man die 52 Karten auf vier Spieler,
erhielt jeder 13 Karten. Die Spielleidenschaft brachte viele Bauern um
Haus und Hof. Aus diesem Grund galt das Kartenspiel als „Gebetbuch des
Teufels“. Der Freitag wiederum geriet nachweislich mit dem Christentum
in Verruf als Tag, an dem Jesus gekreuzigt wurde. Zudem sollen Adam und
Eva der Legende nach an einem Freitag in den Apfel vom Baum der Erkenntnis
gebissen und damit die Sünde in die Welt gebracht haben. Bei Römern
und Germanen gehörte der fünfte Tag der Woche noch der Liebesgöttin
Freya und galt als Glückstag.
Was hilft es, solche angebliche
Unglückstage zu vermeiden? Was helfen Amulette und „toi, toi, toi“?
Offensichtlich nichts, außer dass kurzfristig unsere ständig
gegenwärtigen Ängste vor dem, was kommt, beschwichtigt werden.
Aber dafür handelt man sich Abhängigkeit ein, nämlich die
Abhängigkeit vor den abergläubischen Mittelchen und Vermeidungshandlungen.
Der Zweck abergläubischen Verhaltens läuft immer auf Angstabbau
hinaus, ob es um Glücks- und Erfolgstalismane geht, um Schutz vor
eingebildeten oder echten Gefahren, um das Schädigen anderer Menschen
usw. Dieser Zweck ist jedenfalls immer naheliegend und profan. Der Aberglaube
hält sich an simple, verlässliche Beziehungen zwischen Ursache
und Wirkung, er nimmt gerne die Form von Rezepten an. Solche abergläubischen
Handlungen und Rituale gibt es auch im Bereich der christlichen Kirchen
und Gemeinden – siehe das Bibelstechen. Aberglaube (mindestens die abergläubische
Neigung) gehört zum Menschsein und entspringt aus den Nöten und
Begrenzungen menschlichen Lebens. Der Aberglaube ist ein uralter, ein allgegenwärtiger
Ausdruck der menschlichen Verlorenheit im Zerwürfnis mit sich selbst,
mit seinen Mitmenschen und mit Gott. Diese Angst vor dem Leben lässt
sich rein intellektuell, durch Aufklärung und Belehrung, nicht bannen.
Das christliche Lebens muss ein Leben „gegen die Angst“ sein, wenn der
Aberglaube überflüssig werden soll. Dann – und nur dann – treibt
der Glaube den Aberglauben aus. |